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schreibneurosen.

23. September 2006 von herr vogel

Ich hab’ ja so Marotten wenn’s ums Schreiben geht. Eine zeitlang war ich der Überzeugung, ich würde in angetrunkenem Zustand besonders gut schreiben können, kreativer denken und tatsächlich wirkte jeder Satz wesentlich flüssiger. Dann kam die Phase, wo ich glaubte, nur mit im Hintergrund laufenden Michael Jackson-Klassikern wirklich gut zu schreiben. Das Resultat und gleichzeitig das Problem an der Sache: Man sitzt dann schonmal ordentlich angetrunken vorm Rechner und ist mehr damit beschäftigt „Man In The Mirror“ oder „Heal The World“ zu singen, als tatsächlich irgendwas zu Papier zu bringen. Und wenn The Essential Michael Jackson schließlich bei „Billie Jean“, „Black or White“ oder schlussendlich dem „Earth Song“ angelangt ist, braucht man ans Schreiben auch nicht mehr zu denken. … Solche Abende können mitunter böse enden, vor allem wenn man eine Gitarre im Haus hat: Diese eine Filmkritik hat man für den Abend eh aufgegeben und ist längst mit der Gitarre im Arm auf die Couch getaumelt, hat den Aschenbecher mit dort vor sich hin qualmender Zigarette neben sich und beginnt irgendwann nachdenklich und irre schlecht weil irre betrunken Johnny Cashs „Hurt“ zu zupfen. Dann versammelt man alles Pathos in seiner nicht mal annähernd zum Singen geeigneten Stimme und irgendwann im zweiten Refrain merkt man, dass der Abend eine dramatische Abzweigung in Richtung Was-mach-ich-eigentlich-hier genommen hat. Kurze Sinnkrise, was will ich eigentlich im Leben, ich werde nie einen Job finden, Hobby zum Beruf funktioniert nicht und ist es wirklich schon 3 Uhr? Beim Anblick des überquellenden Aschenbechers besinnt man sich plötzlich der Lungenkrebsneigung in der Familie und schwört mit auf die Gitarre sinkendem Kopf, dass man gleich morgen damit aufhören wird. Mit allem. Ist einfach besser, und ab sofort wird jeden Morgen ein Glas Multivitaminsaft getrunken! Nach dem darauf folgenden Nickerchen beschließt man, sich dann doch nochmal an die Kritik zu setzen, wo einen dann völlig überraschend die kreativste Muse der Welt küsst, und nach getaner Arbeit kommt man nicht umher, diese elende Filmkritik für ein verdammtes Geschenk Gottes zu halten.

Glücklich und zufrieden geht man schließlich ins Bett, man hat ja doch noch was geleistet heute. Dann öffnet man am nächsten Tag voller Selbstzufriedenheit seinen GMX-Posteingang, wo man eine Mail von seinem Lektor findet. Mit dem Betreff: „Alter, was ist denn das bitte für ein Scheiß?“

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