Die Brigade | blog-briga.de

feel free to masturbate
Nach unten

zehnerkarte im bordell.

21. September 2006 von herr vogel

»Grüß Gott, ich bin der Vogel und ab heute kaufe ich hier Zigaretten.« So etwas (oder etwas, das weniger nach »Mein Name ist Lohse und ich kaufe hier ein!« klingt) hätte ich vor einem Jahr sagen sollen, als ich hierher zog. Dann wäre ich jetzt auch einer dieser Menschen, die mit dem Trafikant ihres Vertrauens per du sind und ihren Alltag mit kleinen Konversationen leicht aufpeppen können. Für daheim gebliebene Deutsche: Unter einer Trafik versteht man das, was die Österreicher machen um die in Supermärkten fehlenden Zigarettenspender zu kompensieren. Und außerdem kann man Tickets für die Öffentlichen kaufen, und Zeitschriften und Lottolose und so was; Ein Kiosk quasi, nur in cooler und standardisiert. Auf jeden Fall kriegt man dort das für einen gemütlichen Kaffeehausbesuch notwendige Equipment. Ausgestattet mit dem aktuellen Musikexpress und einem neuen Päckchen imagegebender roter Gauloises wagte ich mich heute auch zum ersten Mal in das Café schräg unter meiner Wohnung; also direkt neben dem Puff – in der Hoffnung, dass der Laden charaktermäßig eben nicht so rüberkommt, als stünde er direkt neben einem Puff. …

Es ist eines dieser persönlichen Cafés, in denen Menschen die Allgemeinheit (oder auch nur die eine anwesende Kellnerin) lautstark begrüßen, wenn sie den Laden betreten – Mit einem »Grüß Gott«, gerne auch einem »Servus«, das nicht wirklich auf eine Antwort der Allgemeinheit wartet. Ich entscheide mich für eine der Rundbänke, die einladender wirken als die schwarz lackierten Holzstühle im vorderen Teil des Cafés, obwohl man als einsamer Lesender mit Zigarette und Kaffee dort auch nicht schlecht aussehen würde. Die Dekoration weist Spuren mehrerer Stilrichtungen und (ich sag mal) Dekaden auf, wirkt völlig zusammengewürfelt, aber nicht uncharmant. Irgendwie gefällt’s, vielleicht auch dank dem Glenn Miller-Soundtrack im Hintergrund. Nicht dass ich ein Glenn Miller-Stück direkt erkennen würde, aber ich denke dem Radiomoderator darf man soweit vertrauen. Ich bestellte eine Melange und packte meine Brecht- Hausarbeitsunterlagen aus, zur Gewissensberuhigung und wegen dem allgemeinen Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen- Vorsatz für den heutigen Nachmittag. Alleine war ich auch nicht, asiatische Touristen mit Einkaufstaschen nebenan, und zwei rauchende und dauerdisktutierende Frauen ebenfalls. Doch, das mag ich, hier mag ich jetzt sein – auch weil mir der Senseo-Kaffee aus meiner Küche nach einem Jahr überhaupt nicht mehr schmecken will (vielleicht sollte ich die Anlage auch nur mal wieder entkalken).
+++ Hier beginnt jetzt der obligatorische Musikteil dieses Eintrags, nicht Interessierte dürfen gerne zum nächsten Absatz springen, oder hier und jetzt ein bißchen Gemotze lesen +++ Jeden Monat entscheide ich mich aufs Neue, welche Musikzeitschrift ich kaufe: Rolling Stone, Musikexpress, Spex, oder garkeine. Der Rolling Stone disqualifiziert sich zwar sonst immer wieder durch sein ignorantes Verhalten neuen (Mainstream-)Indiebands gegenüber, diesen Monat aber alleine dadurch, dass das neue Bob Dylan-Album nicht nur Platte des Monats ist, sondern auch gleich mit der Höchstwertung ausgezeichnet wurde (Quantitative Bewertungen stinken, und Höchstwertungen erst recht wenn sie außer Bob Dylan und Elvis Costello niemand bekommt. Und ich mag Bob Dylan). Irgendwann ist’s halt einfach mal gut. Die Spex gab’s nicht, und so vollkommen nach Indie war mir ohnehin nicht, also fiel die Wahl auf den ME, trotz des großen Prog-Rock- Dossiers (Progrock ist scheiße, und von Mars Volta krieg’ ich Kopfweh). Für’s Protokoll, ich freue mich auf die neuen CDs von folgenden Menschen: Ben Kweller, Der Hund Marie, The Killers. Was die neue Jet angeht, bin ich nach wie vor skeptisch und die elenden Kooks sollten zusammen mit Razorlight ihre Instrumente direkt wieder abgeben. Am besten bei mir. +++ Musik-Ende +++

Und so saß ich also eine Stunde lang im Kaffeehaus und dachte mehr über Musik und die Zukunft dieses Blogs nach, als dass ich mich tatsächlich Bertolt Brecht und meiner Hausarbeit gewidmet hätte. Beim Bezahlen wurde ich dann gefragt, ob ich hier in der Gegend wohne. »Ja, hier, schräg über der Bar», antwortete ich wurde gefragt ob ich dann nicht eine Zehnerkarte haben wolle. Für’s Café, nicht für den Puff. Nach dem 10. Kaffee oder Tee gebe es einen gratis. Dies schien mir ein deutlich besseres Geschäft als die »Ab 300€-Bestellwert eine Pizza gratis«-Aktion von neulich. Ich verließ den Laden also entspannt und glücklich, mit genügend Koffein im Blut und einem Rabattdings in der Tasche, das weitere Besuche fast schon garantiert. Vielleicht grüße ich beim nächsten Mal dann auch die Allgemeinheit wenn ich das Café betrete. Und bei meinem Glück ist der Laden dann leer.

5 Reaktionen zu “zehnerkarte im bordell.”

  1. Agent K

    Gut, dass man als traditioneller Germane mal über die geheimnisumwitterten Kultstätten der alpenländischen Eingeborenen aufgeklärt wird. War ich bislang doch der Meinung, dass es in Trafiken (Plural richtig?!?) – wie der Name so schön suggeriert – neben den schon erwähnten Rabattmarken fürs Bordell wohl nur Fahrkarten, Kondome und Tageskarten für Skilifte zu erstehen gibt und die vermissten Zigarettenautomaten eben nur so selten (und wie das Edelweiß in Höhen über 2000m) zu finden sind.
    Übrigens: Die roten Gauloises sind zwar légère, aber im Grunde für Sissies. Richtige Männer rauchen die Blauen, Herr Vogel… =)

  2. Nachtfalke

    Ach ja, meinen (persönlichen) Trafikanten gibt´s nicht mehr. :-( Irgendwie komisch … zuerst »Geschlossen wegen zweiwöchigen Urlaub!« – vier Wochen später ist immer noch zu, sogar der Automat wurde (hoffentlich nicht willkürlich) entfernt.
    Dem netten alten Herrn wird ja nichts im Urlaub passiert sein. Oder? Tja, oder ist er wie mein Gegenüber-Nachbar einfach untergetaucht!?!

    Ich bin in Sorge …

  3. Nachtfalke

    Nachtrag:

    »+++ Hier beginnt jetzt der obligatorische Musikteil dieses Eintrags, nicht Interessierte dürfen gerne zum nächsten Absatz springen, oder hier und jetzt ein bißchen Gemotze lesen +++«

    Sehr nett übrigens, dass Du Leser Deiner Einträge »vorwarnst« …

    Und wie immer muss ich sagen, junger Mann ändere endlich Deinen Musikgeschmack! ;-)

  4. vogel

    Die Warnung war extra für dich…
    und du hasts trotzdem gelesen ;-)

  5. Nachtfalke

    Jup, umsonst die Mühe. (Zukünftig brauchst Du Dir aber keine Umstände machen!)