Die Brigade | blog-briga.de

feel free to masturbate
Nach unten

Amoklaufen soll verboten werden!

23. November 2006 von LeisureLorence

Die Frage, was Menschen dazu bringt Amok zu laufen, ist in der Psychologie umstritten.

Wikipedia gibt vier Hauptursachen an:

  • »die mehr oder weniger fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung des potentiellen Täters;
  • der Verlust beruflicher Integration, sei es durch Arbeitslosigkeit, Rückstufung oder Versetzung;
  • zunehmend erfahrene Kränkungen unterschiedlicher Art und durch unterschiedliche Personen und
  • Konflikte mit Liebespartnern.«

Als Konsens kann dagegen gelten:

Monokausale Erklärungsansätze scheitern bei der Erklärung des Phänomens. (Wikipedia)

Gerade im tragischen Fall Sebastian Bs künden die Hinterlassenschaften im Internet, hochgeladene Videos, Beiträge in verschiedenen Foren von dem komplexen Cocktail aus Mobbing, Einsamkeit, unglücklicher Liebe und konkretem äußerem Auslöser. Die Crux an dieser Komplexität ist, dass sie kein Patentrezept liefert, wie sich eine solche Tat in Zukunft verhindern lässt. Solche Rezepte zu liefern, ist aber die vornehmliche Aufgabe der Politik. Wir wählen Politiker, damit sie unsere Probleme lösen. Und wenn unsere Kinder in der Schule erschossen werden, ist das ein Problem. Das mindeste, was wir also erwarten können, ist ein Lösungsansatz, so abwegig und hirnverbrannt er auch sein mag.

Erinnert sich noch jemand, was dieser Lösungsvorschlag der PDS auf den Amoklauf von Erfurt war?

Das Hochsetzen der gesetztlichen Volljährigkeit auf 21 Jahre.

Das Wissen, nie mit der Macht belastet zu sein, den Mumpitz umsetzen zu müssen, den man einfordert, ist die stärkste Säule des Populismus.

Eine Gesellschaft zu schaffen, in der niemand Amok läuft, ist gleichzeitig Aporie und Pflicht der Politik, schließlich ist der Amoklauf wie der Selbstmord die totale Absage an die Sozialgemeinschaft, wobei ersterer sie mit einem Medienmegaphon hinausposaunt.
Die Politik braucht also stattdessen eine monokausale Erklärung, die der angenommenen oder tatsächlichen Unfähigkeit ihrer Wähler, sich in geistige Unkosten zu stürzen, Rechnung trägt. Diese monokausale Erklärung, im folgenden Punching-Ball genannt, ist das »Killerspiel«. Merke: Wer immer Killerspiel sagt, hat noch nie eines gespielt. Alleine der Begriff, wenn ironiefrei gebraucht, impliziert völlige fachliche Unbelecktheit. Aber was soll man auch von Menschen erwarten, deren Sozialisierung lange abgeschlossen war, bevor »Pong« erfunden wurde.
Mr. Eddy bringt es wie immer auf den Punkt:

Menschen fürchten das, was sie nicht kennen. Im Falle unserer Altherren-Politiker bedeutet das: Computerspiele, Internet und logisches Denken.

Wie dem auch sei, Agitationsbeauftragter Edmund Stoiber strebt an, einen Antrag auf das völlige Verbot von Killerspielen in Deutschland in den deutschen Bundestag einzubringen. Vorteil: Dann lernen wir endlich, was denn nun ein Killerspiel ist.

Mit welcher Sachkenntnis hierbei zu Werke gegangen wird, wird deutlich, wenn »Gutachter« vorschlagen »auch eine Regelung zur Zugriffsbeschränkung für Internetseiten mit entsprechenden Inhalten zu erlassen«.
Immerhin, dass man nicht mehr nur über Datenträger an Spiele herankommt, hat sich beim »Gutachter« schon rumgesprochen. Was daraus folgt, ist entweder eine Lachnummer oder Big Brother. Entweder kehren die guten alten »Beben«-Server zurück oder wir wundern uns beim Urlaub in China, wie viele Seiten deren Internet hat.
Fakt bleibt: Der Illusion, dass der Staat uns vor einer weiteren Bluttat, deren prägnantestes Merkmal völlige Unberechenbarkeit ist, schützen kann, soll nicht nur das Recht geopfert werden, als erwachsener Mensch jedwedes Computerspiel zu konsumieren, wann immer mir danach ist, sondern außerdem das Recht, mich im Internet frei zu bewegen.

An dieser Stelle schalten wir um zu dem leider nicht unsterblichen Bill Hicks:

Here is my final point. About drugs, about alcohol, about pornography and smoking and everything else. What business is it of yours what I do, read, buy, see, say, think, who I fuck, what I take into my body – as long as I do not harm another human being on this planet? (Wikiquote)

Wir fügen an seiner statt still ein »play« ein.

Mehr:
Reader’s Edition
Wir nennen es Arbeit
TAZ
SZ

3 Reaktionen zu “Amoklaufen soll verboten werden!”

  1. Nachtfalke

    Auf die Gefahr hin, dass ich mir jetzt hier plamiere, … aber hatte Sebastian B. überhaupt irgend etwas mit sogenannten »Killerspielen« zu tun. (Wenn ja, dann habe ich dies in den Meldungen irgendwie überhört.)
    Wenn nicht, dann ist´s eh mal wieder peinlich, dass solche Sachen wie solche Taten herhalten müssen.

    Ach ja, mich kotzt folgende Meldung eigentlich noch mehr an: »Sebastian B. war schwarz gekleidet …«
    Juchu … natürlich … dunkle Kleidung ist ein Garant für Amok- und Mordsgelüste. ;-)

  2. LeisureLorence

    Ja, er war Counterstriker. Hat seine Schule als Map gebaut, allerdings Jahre vor seiner Lebenskrise, aus der der Amoklauf resultierte.

    Was dich auch noch interessieren dürfte: Death-Metal hörte er auch, deshalb gibt’s noch eine kleinere, nicht minder lächerliche Unterdiskussion über die Relation dieser Art von Musik zu Gewalt.

  3. Nachtfalke

    Bezüglich »Killerspiele: Aha, dann doch.
    Bezüglich Musik: Von mir aus können die diskutieren was sie wollen. Auskennen tun sich ja diese selbst ernannten »Experten« ja eh nicht. Gute bis ausgezeichnete Kenntnisse über den bzw. einen Bereich wären ja grundsätzlich die Wurzeln einer ordentlichen Diskussion! ;-)
    Na ja, nachdem die Eurovision-SC-Gewinner LORDI als »Teufelsanbeter« abgestempelt wurden, ist es eh fast nicht mehr wert, sich darüber aufzuregen.