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I, 2 – Reich mir die Hand, mein Leben!

12. November 2006 von LeisureLorence

Was bisher geschah: 1.

I,2

Aufschub, Verzug, Verzögerung sind die Gifte, die ich aus den Venen meiner Geschichte saugen muss. In meinen Augen sind beim Erzählen Effizienz und Ökonomie erste Schreiberpflicht, um ein kontinuierliches Fortschreiten der Handlung zu gewährleisten und so dem Leser eine ergebnisorientierte Lektüre zu ermöglichen, die das investierte Zeitkapital mit reicher Erkenntnisausschüttung segnet. Solch ein niedrigschwelliges Lektüreangebot soll mir eine treue Leserschaft im markrelevanten Alterssegment der 14- bis 49jährigen zuführen, um mich durch sie und ihre finanziellen Zuwendungen in den Zustand eines Leben in Muße und Wohlstand zu versetzen.

Unverzeihlicherweise befinde ich mich aber bereits im Rückstand. Meinem Businessplan zufolge ist das dringlichste und mindeste, was ein erstes Kapitel liefern sollte, die Beantwortung der Frage nach dem »Wer«; nämlich »Wer erzählt?« bzw. »Wer öffnet die Tür?«. Ich aber muss mir eingestehen, dass jene Frage nach wie vor so offen steht wie fragliche Tür selbst.

Wenn also meine Geschichte keinen Abnehmer findet, so erzählenswert sie mit Verlaub auch sein mag, kann ich mir das selbst zuschreiben. Trotzdem sie von dem handelt, was uns alle interessiert, nämlich dem Glück. Wie man es sucht, vergeblich, und wie es einen dann doch überfällt, in dem Moment, wo man am wenigsten damit gerechnet hat.

Einer solchen Geschichte muss der Weg ins Herz der Leser offen stehen, davon bin ich fest überzeugt. Ich darf es nur nicht schon wieder verbocken. Insofern fasse ich mir ein Herz und fange nochmal an. Screw you, holpriger Sprung in medias res! Fast hättest du das materielle Wohl meiner Familie auf alle Zeit gemeuchelt! Dabei hätte ich es wissen können. Man schaue sich nur einmal den Beginn von »Krieg und Frieden« an:

›Eh bien, mon prince, Genua und Lucca sind weiter nichts mehr als Apanagegüter der Familie Bonaparte [SchaberLaberRhabarber]›. So sprach im Juni 1805 das bekannte Hoffräulein Anna Pawlona Scherer, die Vertraute der Kaiserin Maria Fjodorowna, als sie den Fürsten Wassilij empfing, einen hohen, einflussreichen Beamten, der als erster zu ihrer Abendgesellschaft erschien.

Und halten wir dagegen den schnörkellos schlichten Anfang der »Anna Karenina«:

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Ganz offensichtlich: Von »Anna Karenina« lernen, heißt Siegen lernen.

Ihr Beginn ist das Bayern der Literatur, der von »Krieg und Frieden«, nun ja, Niedersachsen. Womit ich nichts gegen dieses oder sonst ein Bundesland gesagt haben möchte (außer Brandenburg, das saugt Arschhaare), schließlich soll mir Ursula von der Leyen, »die niedersächsische Zuchtstute« (Volker Pispers), persönlich den Lorbeer für werterestauratives Engagement auf die parfümierten Locken drücken für das, was ich mit meinem Werk (neben Muße und Wohlstand für mich und die meinen) zu erreichen hoffe: Nichts weniger als die Aufschüttung der Schlucht, die das Wort von der Tat trennt. Meine Lebensgeschichte soll leitendes Beispiel für eine Generation entwurzelter, gestrandeter, obdachloser, hilflos umhertaumelnder Getriebener sein, die sich fragt: Was ist da noch außer Sex, Drogen und Zahnersatz?

Bei näherer Betrachtung nicht viel, soviel kann ich vorwegnehmen, aber an dieses Bisschen lohnt es sich zu klammern, mit aller Kraft, die wir noch haben! Dieses Buch soll meinen privaten Beitrag zum »Bündnis für Erziehung« darstellen, soll das Band sein, das die jungen Bäume bindet und ihnen so zu schönem, geradem Wachstum verhilft. Und was wäre dazu geeigneter als ein Lebensweg voller Irrwege, voller Irrtümer, voller überflüssiger Schmerzen und verpasster Ausfahrten?
Nicht umsonst ist eines der ergreifendsten und welthaltigsten Märchen der Bibel der Werdegang vom Saulus zum Paulus. Doch auch wenn mein Weg durchaus Parallelen zu dem des Pharisäers aufweist, sehe ich mich dennoch eher als Jesus (im gotteslästerlichen Sinn).

Der neue Anfang also, der viel verspricht und, so hoffe ich, noch mehr halten wird, ist:

Wie viele Menschen, deren Geltungsbedürfnis ihre im täglichen sozialen Umgang tatsächlich erfahrene Geltung übertrifft, zwang auch mich das schmerzliche Bewusstsein dieser Differenz ins geistige Exil.

Ein Anfang, der mich zurückführt in eine Vergangenheit, an die ich mich nur deshalb ohne Schauern erinnern kann, weil ihr vergangenes Unglück in den grellsten Farben überstrahlt wird vom vollkommenen Glück der Gegenwart. Es fällt mir dennoch schwer, allein: Ursula von der Leyen und die Rentenkasse verlangen es! Und wer (außer Zivildienstleistenden) schleicht zur Hintertür raus, wenn an der Vordertür unser Land läutet, weil es unserer bedarf?

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