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Reader’s Edition – Citizen-Journalism in Deutschland

26. November 2006 von LeisureLorence

Seit fast einem halben Jahr gibt es Reader’s Edition, ein von der Netzeitung initiiertes Projekt, das Citizen-Journalism eine Plattform in Deutschland bieten soll. Wie wichtig dieses Projekt für Deutschland ist, belegt die Tatsache, dass bisher der Fotohandy-Paparazzo im Auftrag der BILD-Zeitung der bei weitem präsenteste Vertreter dieser neuartigen Berichterstattung ist. Für jeden, dem die Idee des Bürger-, bzw. Leserreporters ein wenig am Herzen liegt, ist also eine vorbildliche funktionierende Plattform mit aktuellen, guten usergenerierten Artikeln sehr wünschenswert.

Leider laboriert die Seite noch an Problemen, die sich hoffentlich als Kinderkrankheiten herausstellen werden.

Es ist gibt viel zu wenige Artikel von zu wenigen Schreibern. Die Artikel, die es gibt, behandeln alles und nichts und schwanken zwischen quasi-professionell, semi-professionell und schauderhaft. Gerade letztere Kategorie, Ausstellungen von Weltanschauungen auf dem Niveau eines Butterfahrtgeplänkels (Links fehlen mit Absicht), machte es schwer, sich bei aller Sympathie sein Interesse für die Seite zu bewahren. Darüber hinaus dürften viele Schreiber davor zurückschrecken, ihre Erzeugnisse in dieser Nachbarschaft zu veröffentlichen, es droht eine Abwärtsspirale. Da macht es Hoffnung, dass die Macher diese Probleme selbst erkannt haben und erfreulicherweise auch direkt ansprechen.

Aber was sind die Ursachen für den offensichtlichen Missstand und wie kann man ihm begegnen?

Zwei Ursachen scheinen mir ausschlaggebend zu sein:

  1. Eine logische Zielgruppe für RE sind Blogger, da sie bereits online schreiben. Sie müssen es nur auf der Plattform im Dienst der Allgemeinheit tun. Der Haken dabei: Deutschsprachige Blogger sind Einzeltäter. Auch unter den Blogs, die nicht um die eigene Befindlichkeit oder die der Blogosphäre kreisen, ist bisher keine Vernetzung erkennbar, die die ihre Autoren einmal in die Lage versetzen könnte, RE mit lesenswertem, relevantem Content zu betanken (denn dabei hilft auch keine Blogroll mit der Länge von Rocco Siffredis Fleischpeitsche). Falls der Schwarm Intelligenz besitzt, ist sie noch nicht hoch genug, um diese Aufgabe meistern zu können. Dieses fehlende Können geht seinerseits auf ein Nicht-Wollen zurück, denn …
  2. wie in vielen Fällen des RL scheint auch im Web die Pareto-Verteilung zu gelten, soll heißen, 20 % der User schaffen 80 % der Inhalte. Es ist sogar die Rede von einer 1%-Regel, nach der 1 % kreieren (z.B. Artikel schreiben), 10 % damit agieren (sie z.B. kommentieren und verlinken) und 89 % konsumieren (sie lesen). Das ist eine Konstante, mit der sich, wie andere Web 2.0-Produkte wie YouTube zeigen, leben lässt, wenn es auch schwer sein könnte, mit diesen Zahlenverhältnissen 20 Millionen Bürgerjournalisten deutscher Zunge zu rekrutieren. Ein Großteil der (potentiellen) User hat nämlich schlichtweg keine Lust, sich als Laien-Journalist zu betätigen.

Was nun?

Beim ersten Problem kann nur ein Bewusstseinswandel Abhilfe schaffen. Ich wüsste nicht, wie RE diesen herbeiführen sollte. Die Käseglocke, unter die deutsche Blogosphäre ihre Sandkastenspiele treibt, müsste angehoben werden, und ein frischer Wind den Bloggern ihre Macht und damit auch Verantwortung bewusst machen. Das heißt: Es muss in der Welt draußen etwas passieren, das die Blogger kollektiv mit ihrer Form des Journalismus beeinflussen können. Als Beispiel fallen mir jetzt nur die Krawalle in den französischen Banlieus ein, aber vielleicht gibt es auch ermutigendere Perspektiven. Vielleicht braucht es auch nur ein wenig Zeit.

Aber beim zweiten Problem ist RE dafür umso mehr gefragt. Die Frage ist, wie das richtige Prozent ermutigt werden kann, an dem Projekt Hand anzulegen. Was könnte zum Beispiel einen Alpha-Blogger motivieren, einen seiner hart erarbeiteten Texte entweder ausschließlich oder zusätzlich auf RE zu veröffentlichen? Mir fällt hier ehrlich gesagt nicht viel ein, Öffentlichkeit, Resonanz und gesellschaftliche Anerkennung hat er bereits auf seiner Seite, dazu völlige Freiheit über Inhalt, Layout und Zeitpunkt der Veröffentlichung. Ein Mehrwert der Plattform muss geschaffen werden, denn logischerweise verbieten sich finanzielle Zuwendungen. In dem oben genannten Artikel werden weitere Punkte benannt, die sich der Meinung des Autors nach erfolgshemmend auswirken, nämlich wechselnde Redaktionen und ein zu umständliches Veröffentlichungssystem.

Mit einem Wort, es gibt genug zu verbessern, und deshalb tritt RE jetzt in Phase Zwei. Im Blog des neuen Verantwortlichen H.E. Martin findet sich zum Beispiel vielversprechender Weise Material über die Motivation von koreanischen Bürgerjournalisten, und die Frage, wie man diese Ergebnisse auf Deutschland übertragen könne, steht offen im Raum. Neben dieser Offenheit für Anregungen von außen gibt es außerdem bereits Hinweise auf Veränderungen, die bereits direkt ins Auge gefasst werden. So werden zum Beispiel Volontariatsplätze ausgeschrieben.

Es wird also anscheinend geplant, dem Laienjournalismus mit professionellen Strukturen unter die Arme zu greifen.

Dass die bisherige »Alles-Geht!«-Spielwiese ausgedient hat, scheint offensichtlich, doch wann beginnt sich die Idee des Bürgers an der Feder zu verwässern, wenn PR-Profis hinter den Kullissen die Fäden ziehen?

Nicht zuletzt die Beantwortung dieser Frage wird meinen virtuellen Weg auch in Zukunft noch oft zur RE führen.

3 Reaktionen zu “Reader’s Edition – Citizen-Journalism in Deutschland”

  1. Dieter Petereit

    Einen wichtigen Aspekt hast Du noch nicht angesprochen. Und zwar die fehlende Bezahlung der Blogger. RE gehört zur NZ. Das ist kein e.v. oder eine Stiftung wie Wikipedia, sondern ein gewinnorientiert arbeitendes Unternehmen.

    Ich kann mir schon vorstellen, dass die Bereitschaft eines Großteils der interessanteren Blogger, für ein Projekt, mit dem Geld verdient werden soll, ohne Bezahlung Content zu erzeugen, eher gering bis nicht vorhanden ist.

  2. Basic Thinking Blog » Readers Edition zur Phase Zwei

    [...] siehe auch Die Brigade mit dem kommentieren Artikel: Reader’s Edition – Citizen-Journalism in Deutschland [...]

  3. LeisureLorence

    @DP:

    Es stellte sich also die Frage, was die Alternative zu RE sein könnte.
    Aktuell dürfte das Projekt keine Gewinne abwerfen, im Gegenteil.
    Und ich wüsste auch nicht, wer warum Mittel und Zeit zur Verfügung stellen sollte, um so ein Projekt über die Schwelle zu heben, bis es ein Selbstläufer ist, ohne damit finanzielle Interessen zu verfolgen. Andererseits muss ja auch jemand den ersten Wiki-Artikel geschrieben haben.
    Bei einer Plattform mit Bezahlung bin ich mir ziemlich sicher, dass die meisten Artikel dann von freien Journalisten eingehen würden und das Ideal des »Bürgerjournalisten« verwässert wird.
    Dann wäre so ein Journalist nur jemand, der nicht zwangsläufig dafür ausgebildet sein muss.
    Gibt es eigentlich international Beispiele funktionierender Plattformen?