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Romanidee: Die verlorene Ehre 2.0

9. November 2006 von LeisureLorence

Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll aus dem Jahre 1974 hat zum Thema, dass „Die Gewalt von Worten [...] manchmal schlimmer sein [kann] als die von Ohrfeigen und Pistolen« (Böll). Durch eine Hetzkampagne der ZEITUNG, eines an die BILD-Zeitung angelehnten Boulevardblattes, wird die Heldin nach einer Nacht mit einem Gewaltverbrecher gesellschaftlich hingerichtet und verübt ihrerseits einen Mord an einem Reporter.

Dass das Werk immer noch brennende Aktualität hat, zeigt jeden Tag das famose BildBlog.

Doch tritt mit dem Web 2.0 eine neue Art der Medienvergewaltigung auf, die nicht mehr von einem übermächtigen Printkonzern gesteuert wird, sondern ganz basisdemokratisch Existenzen vernichtet.

Beispiele sind hierfür sind:

  1. Das Dog-Poop-Girl, die virtuelle Hatz auf eine Koreanerin, die das große Geschäft ihres Hundes in der U-Bahn nicht beseitigte, anhand eines Fotos identifiziert und verfolgt wurde.
  2. Das Stolen-Sidekick, eine sehr verworrene Geschichte über ein im Taxi verlorenes Nokia.

Auch in Deutschland hatten wir bereits einen ähnlichen Fall, wo der erboste Käufer eines vermeintlich kaputten Laptops sich rächte, indem er eine Seite anlegte, auf der der Verkäufer mit Pornobildern in Zusammenhang gebracht wurde.

Der Link des ersten Beispiels zeigt eine Besonderheit der basisdemokratischen Medienvergewaltigung: Auch objektive Berichterstattung perpetuiert die Demütigung, da sie das fragliche Foto für die Ewigkeit festhält.

Das 2. Beispiel ist vor allem interessant wegen der zahlreichen kleinen Dramen, aus denen sich das große zusammensetzt, als da wären:

  1. Gestohlenes Sidekick
  2. Gefährdete Hochzeit
  3. Vergebliche Emails.
  4. Server wird freigeschaltet.
  5. Fotos werden veröffentlicht.
  6. Zugriffszahlen explodieren.
  7. Täterin wird identifiziert.
  8. Täterin bestreitet auf ihrer Homepage und Bruder droht.
  9. Zwischenspiel mit den Vorgesetzten des Bruders.
  10. Zwischenspiel mit der Polizei.
  11. Zwischenspiel mit der Botschaft, die das Visum ausstellen soll. Die Menge folgt inzwischen den Befehlen der Seitenbauers widerstandslos.
  12. Zwischenspiel Donate-Link.
  13. Letztes Angebot der Sidekick-Besitzer an die Eigentümer.
  14. Verhaftung der 16-jährigen, Aushändigung des Sidekicks.
  15. Nachspiel: E-bay

Wir sehen also: Jede Menge Stoff zum Arbeiten.

Ich würde das Ganze so aufziehen: Etwas moralisch verwerfliches aber juristisch nur bedingt verfolgbares wird dem Protagonisten A von B angetan. Hierbei ist der Leser noch ganz beim Opfer. A bastelt eine Seite und holt zum Gegenschlag aus, bis ihm die Resonanz irgendwann über den Kopf wächst. Am Ende schaut B auf die Trümmer seiner Existenz.

Ich denke nicht, dass ich in nächster Zeit die Muße habe, diese Erzählung zu schreiben, dafür finden sich bestimmt Berufenere. Die Zeit ist definitiv reif für ein Buch über die Schattenseiten des Web 2.0, von daher kommt es sicher früher oder später.

Remember where You saw it first!

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