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sofie antoinette.

30. November 2006 von herr vogel

Wenn es derzeit eine Person gibt, die ich gerne interviewen würde, dann ist das Sofia Coppola. So gern ich Lost in Translation mochte, so wunderschön und deprimierend dieser Film war, so liebend gerne möchte ich Frau Coppola fragen, was sie sich denn bitte bei Marie Antoinette gedacht hat.

Machen wir uns nichts vor, der Film ist scheiße. Schön farbenfroh natürlich, aber selbst bunte Exkremente sind immernoch Exkremente. Mir persönlich war im Kino selten so langweilig. Selbst Open Water 2 (es war eine Sneak, zu meiner Verteidigung) hatte die unfreiwillige Komik als halbwirksame Waffe gegen die Langeweile im Dauereinsatz, aber bei Marie Antoinette wartet man vergeblich, dass überhaupt etwas passiert. Fast zwei Stunden beobachten wir Kirsten Dunst beim Blumenpflücken und Frohlocken, (Fr)essen und Saufen, und auf einmal steht der Mob mit den Mistgabeln vor der Tür. Na so eine Überraschung.

Abgesehen davon dass der Film strunzlangweilig war, hat mich am meisten die Darstellung von Frau Königin Marie Antoinette gestört. Dass man sie nicht wie so oft als hochmütige Regentin portraitiert, sondern den Versuch anstellt, sie auf menschlicher Ebene zu verstehen, ist an sich durchaus lobenswert – und sehr wahrscheinlich in der dem Film zugrunde liegenden Marie Antoinette-Biographie von Antonia Fraser nachzulesen. Allerdings drängt Sofia Coppola »ihre« Marie Antoinette so sehr in die Opferrolle, dass deren dekadentes Verhalten ebenso gerechtfertigt und gar entschuldigt wird, wie ihr ignorantes Verhalten dem eigenen Volk gegenüber.

In den zahlreichen Promo-Interviews erklärte Sofia Coppola immer wieder aufs Neue, worum es ihr ging: Marie Antoinette sei das erste IT-Girl gewesen, wie Paris Hilton quasi, die als gerade-einmal-Teenager auf den Thron gesetzt wurde und in einer Luftblase lebte. Ihr Verhalten sei als Flucht aus dem eintönigen Eheleben und den ständigen Lästereien am Hof zu verstehen. Frau Coppola will dem Zuschauer also allen Ernstes verkaufen, dass Marie Antoinette als in ein Königshaus geborene Tochter nicht von klein auf dazu erzogen wurde, eines Tages zu regieren und ein Volk zu führen? Hat sie etwa nicht alle ihre Pflichten vorsätzlich ignoriert und das Geld mit beiden Händen zum Fenster rausgeworfen, obwohl sie wusste, dass ihr Volk verhungert?
Ob Marie Antoinette die berühmten Worte »Das Volk hat kein Brot? Sollen sie doch Kuchen essen!« tatsächlich gesagt hat, sei aufgrund der revolutionsbegleitenden Hetzkampagne gegen den Königshof natürlich in Frage gestellt, aber dennoch ist ein »Teenager« des 18. Jahrhunderts einfach nicht mit der heutigen iPod-Generation zu vergleichen. Da helfen der schmucke Indie-Soundtrack und sämtliche Turnschuhe im Film genauso wenig, wie alle Coppola-Interviews die eben dies behaupten.

Aber man gönnt ja jedem Mythos seine Gegenthese.

Eine Reaktion zu “sofie antoinette.”

  1. castellan

    Wer den Kuchensatz niederschreibt kennt nicht die Wahrheit!
    http://marie–antoinette.blogspot.com/