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triefauge und ich.

29. November 2006 von herr vogel

»Was soll ich denn sonst machen?« – Das war die exakte Antwort eines ehemaligen Mitschülers auf die Frage, warum er sich denn um Himmels Willen die Haare grün gefärbt hat. Ja was soll er denn sonst auch machen bitteschön? Was auf den ersten Blick wie die unbeholfene Rechtfertigung eines misslungenen Style-Experiments schien, die es auf den zweiten Blick auch blieb, stellte sich im Laufe der Jahre jedoch als einmalig treffende Charakterisierung unser aller mehr oder minder ausgelebter Jugend heraus. Was sollten wir denn sonst auch machen?

Dass manche Menschen aus der Ich- habe- eh- nix- Besseres- zu- tun- Phase niemals herauswachsen, beweist einer seit Jahren immer wieder aufs Neue und in Superlativen: Pete Doherty. Vielleicht ein genialer Musiker, vielleicht ein runtergekommener Penner, aber in jedem Fall ein Mensch, der scheinbar sonst nichts zu tun hat. Pete und ich hatten bereits zweimal ein Date. Und beide Male erschien er nicht. Da ich nur ungern versetzt werde, darf man die folgenden Zeilen als nachträgliche Beschwerde interpretieren, die hoffentlich früher oder später persönlich an Herrn Doherty herangetragen werden, damit er sich entschuldigen kann.

Date Nr. 1: Rock Am Ring 2003. Festivalsamstag, Metallica prügelten bereits seit einer Dreiviertelstunde ein Best-Of-Set über die Hauptbühne. Um kurz vor 11 Uhr abends versammelte sich vor der „Talentbühne“ eine Gruppe von vielleicht 300 Menschen, denen die Festival-Hauptact-Sensation Metallica ziemlich am Arsch vorbei ging, da sich hier und jetzt eine hoffnungsvolle Nachwuchsband aus England mit phänomenaler Debüt-CD die Ehre geben sollte: The one and only Libertines.
Auftritt englische Drogenkapelle: Dem Bassist fällt selbst das Stehen schwer und Carl Barat ist wie immer der hektischste Mensch auf diesem Planeten. Doch dann die Erkenntnis: Einer fehlt. Und wie Barat bestätigte, war Herr Doherty nicht mitgereist. Es war der erste Auftritt der Libertines ohne Pete Doherty. Vielleicht ein Indiehistorischer Moment, von dem man irgendwann seinen Enkeln erzählen wird, aber Tatsache war: Diesen Cooper Temple Clause-Ersatzmann wollte niemand sehen. Überhaupt sind die Libertines nur die Libertines wenn Doherty und Barat auf der Bühne stehen – vorzugsweise auf der selben und zur gleichen Zeit. Der Auftritt war dennoch gelungen (seitdem trage ich z.B. Lederjacke), aber Pete Doherty hat mich sitzen lassen.

Date Nr. 2: Rock Am Ring 2006. Samstag. Die Libertines existieren nicht mehr. Tausende Menschen inklusive mir und meiner Lederjacke versammeln sich vor der Alternastage, um Pete Dohertys neue und garnichtmal so tolle Band Babyshambles zu sehen. Aber nichts passiert. 10 Minuten vergehen… dann 20, 25… und irgendwann betritt eine zierliche kleine Person mit Gitarre unterm Arm die Bühne und sagt: »Hi, my name is Corinne Bailey Rae and we’re gonna play for you now.« Und noch während sie diese Worte sprach, werden sie und ihre Band ausgepfiffen, mit Bechern und Gegenständen beworfen und schlussendlich spielte die arme Frau Rae ihren Gig vor einem gänzlich davongelaufenem Publikum. Eigentlich müsste Pete Doherty sich bei ihr entschuldigen.
Nach einigen vertröstenden Festivaldurchsagen spielte Doherty um 2 Uhr nachts und mit 10 Stunden Verspätung dann doch noch ein kurzes Konzert – Er war beim Heroinspritzen im Flugzeug aufgehalten worden – und laut Zeugenaussagen soll es wohl phänomenalgroßartig gewesen sein. Ich allerdings habe währenddessen angesoffen im Zelt gelegen.

Kommenden Januar haben Doherty und ich ein drittes Date, diesmal in der Wiener Arena. Und diesmal werde ich nicht hingehen.

[Update: Die Babyshambles haben das Konzert abgesagt. Ich hoffe Doherty bedenkt, wer  von uns beiden zuerst seine Abwesenheit angekündigt hat.]

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