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I, 3 – [Please MTV, pimp my Kapitelüberschrift!!!]

23. Dezember 2006 von LeisureLorence

Was bisher geschah: 1, 2.

Die Tür steht seit 44 Tagen offen. Es zieht wie Hechtsuppe.

Doch was soll ich machen?

Ein Beruf, der mehr Berufung denn reiner Broterwerb ist, eine Familie, deren bloßer Anblick bei der dafür zuständigen Ministerin enthemmtes Frohlocken hervorriefe, die aber dementsprechend viel Zeit in Anspruch nimmt, das alles lässt mir kaum einen Augenblick, dem geneigten Leser die großspurig angekündigte Geschichte vom Glück näherzubringen. Doch ist diese Eingespanntheit auch eine gute Möglichkeit, Arbeitsethos und Disziplin zu beweisen. Auch von diesen beiden Tugenden handelt meine Geschichte, wenn auch eher in Form einer negativen Utopie im Adornoschen Sinne.

Wir erinnern uns:

Ich war in den Augen der Welt nicht der Checker, der ich in Wahrheit zu sein glaubte.
»PP – Persönliches Pech!«, werden da die Schlagfertigen (und Witzigen) unter Euch einwerfen. Und Recht habt Ihr! Aber laufen wir nicht alle mit Problemen herum, die wir beim besten Willen nicht einfach so wegwischen können, so lächerlich sich auch der Spötter in uns darüber machen mag? Manchmal wissen wir ja sogar die Lösungen unserer Probleme, doch brauchen immer noch einen äußeren Anstoß, sie auch in die Tat umzusetzen. Es ist nunmal nicht dasselbe, den Weg zu kennen und ihn zu gehen, wie der Dalai Lama oder Zlatko so richtig sagt. Akrasia nannten die alten Griechen das Phänomen, dass jemand weiß, was zu tun ist, und es dennoch nicht tut.

Auch die Dame in den besten Jahren wusste sicherlich, was zu tun ist. Sie wusste auch, dass sie Gefahr lief, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, wenn sie sich jemandem anvertraute. Und dennoch fasste sie sich ein Herz und sprach zwei Herren an: »Sie stehen doch mitten im Leben.«

Dass diese beiden Herren – es handelte sich dabei um mich und meinen damaligen besten Freund Toby – am Vormittag mit jeweils einer HoPiHaLiDo in der Faust vorm »Kaisers« standen, mag vielleicht unterstreichen, in welcher Seelenpein sich die Frau befand. Im Nachhinein betrachtet hatten ihr vielleicht unsere langen schwarzen Mäntel den nötigen Respekt eingeflößt, um uns als Ratgeber oder besser Beichtväter in Betracht zu ziehen. Sobald sie die Gesprächssituation herbeigeführt hatte, platzte es auch schon aus ihr heraus:

»Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und bin in meinen Zahnarzt verliebt!«

Es folgte eine traurige Geschichte von Beengtheit, Frustration (»Seit über zwei Jahren läuft nix mehr!«) und einer plötzlichen, hoffnungslosen Leidenschaft.

Eine Lösung, die es nicht geben konnte, erwartete die Frau gar nicht von uns. Es reichte aus, ihr zuzuhören und ihre eigene, richtige Intuition zu bestätigen, dass es zuviel sei, denselben Mann ein zweites Mal anzubaggern, wenn bereits ein Liebesbrief unbeantwortet geblieben war.

Ganz gegen meine Natur verzichtete ich sogar darauf, meine umfangreiche Allgemeinbildung herauszustellen und zu erwähnen, dass Zahnärzte und Zahnarzthilfen deshalb überproportional Liebeserklärungen und Heiratsanträgen ausgesetzt sind, weil der Mensch dazu neigt, seine Ängste zu rationalisieren, und seine Aufregung vor dem Zahnarztbesuch als eine Verliebtheit interpretiert. Nun gut, Euch musste ich es jetzt auf’s Brot schmieren, aber der guten Frau hätte diese durch die Blume mitgeteilte Unterstellung, ihre Verliebtheit sei nur missinterpretierte Angst vorm Bohren, kaum weitergeholfen, nicht wahr?

Der Grund, weshalb ich, anstatt die Tür endlich zu schließen, wieder einen neuen Faden aufgenommen habe, ist, dass besonders in den nächsten Tagen jeder von uns in die Situation kommen mag, wo er nicht als Macher, als Entwirrer, als Entscheider, als Löser gefragt sein wird, sondern als Zuhörer, Mitfühlender, als Mensch. Ich hoffe, Ihr werdet Euch in diesem Moment dessen bewusst sein.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein frohes Fest.

2 Reaktionen zu “I, 3 – [Please MTV, pimp my Kapitelüberschrift!!!]”

  1. JaCa

    Einfach gut! komme jetzt öfter..
    Frohe Weihnachten!

  2. Marlowe

    Verliebtheit aus Angst vorm Bohren… Was würde Freud daraus machen? :D
    Danke fürs Aufs-Brot-Schmieren, ich find‹ diese Information höchst unterhaltsam.