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I, 5 – Got lost on a path called life today

6. Januar 2007 von LeisureLorence

Was bisher geschah: 1, 2, 3, 4.

Dass der Radfahrer mit der roten Jacke einen Schuh verlor, als er den Sperlingssturz herunterraste, und es nicht bemerkte, ist an sich nichts Besonderes.

Zum einen ist der Sperlingssturz ein mit Hubbeln und Schlaglöchern übersäter Kiesweg, zum anderen löst sich der Schuh nicht vom Fuß des Radlers, sondern hüpfte aus einer der beiden Hängetaschen, die am Gepäckträger befestigt waren.

Das Besondere und damit Erwähnenswerte ist, dass dieser abgeschabte, braune Herrenlederschuh Größe 46 ausgerechnet Sinje vor die Füße fiel, sie ihn aufhob und vergeblich versuchte, seinem Eigentümer den Verlust anzuzeigen.

Denn dass Sinje in diesem Moment mit einem Herrenlederschuh in der Faust im Wald, durch den der Sperlingssturz führte, stand, erlaubt mir, ein Licht auf den Charakter dieser für meine Geschichte wichtigen Person zu werfen.

Sinje stand also mit einem Herrenlederschuh in der Hand im Sperlingssturz schaute mit großem Ernst dem roten Punkt nach, wie er aus unserer Geschichte heraushoppelte, dann senkte sie den Blick ihrer untertassengroßen schwarzen Augen auf die Aufgabe, die ihr das Leben so unverhofft vor die Füße geworfen hatte.

Mutmaßungen betreffs ihres Gedankenganges mussten nun fehlgehen. Ein zufällig des Weges kommender Passant hätte dazu ebensoviel oder -wenig Berechtigung gehabt wie ihre intimsten Freunde oder sogar sie selbst, die ihre Entscheidungsfindungsprozesse als das Tanzen eines Elefanten in ihrem Kopf empfand. Buchstäblich niemand wusste also, wie dieses Mädchen mit dem Schuh in seiner Hand verfahren würde.
Der Passant mag vielleicht mutmaßen, es würde sich nach einer Sekunde des Besinnens entschließen, den Herrenlederschuh wieder dorthin zu legen, wohin er sich selbst gebettet hatte, und dann seiner Wege gehen.

Ich hingegen, der das irrwitzige Funkeln in Sinjes Augen kannte, hätte eher vermutet, dass sie sich eines ihrer eigenen Schlappen Größe 37 entledigt, sich den Herrenlederschuh überstreift und dann damit auftippt wie ein ungeduldiger Clown oder wie Goofy. Oder ein paar Meter damit zu rennen versucht. Oder aber den Herrenlederschuh anpisst, sich im Gebüsch versteckt und den zurückkehrenden Radfahrer auslacht, wenn er ihn berührt.

Sie aber tat nichts von alldem. Sie behielt den Schuh in der Hand und setzte den Weg mit ihrem leicht watschelndem Gang fort. Irgendwo hinter ihren untertassengroßen Augen hatte sich wie auch immer der Entschluss geformt, diesen Schuh ins Fundbüro zu bringen. Von diesem Moment an war Sinje nicht mehr davon abzubringen. Nach einem Grund für diese Handlung gefragt, hätte sie für einen Moment mit ihrem untertassengroßen schwarzen Augen mit dem braunen Schimmer ins Leere gestarrt, dann dem Fragenden ein Lächeln geschenkt, das durch ihren leichten Überbiss die perfekte Balance aus vierzig Prozent versonnen, fünfzig Prozent süß und zehn Prozent debil hält, und sich vielleicht solcherart geäußert: »Ich lebte gerne in einer Welt, in der die Leute Schuhe, die sie finden, ins Fundbüro bringen.« Und manch einer hätte diese scheinbar vernünftige Antwort geschluckt. Nur wie kann eine Rechtfertigung vernünftig sein, die zwar für sich genommen vernünftig scheint, aber in Wahrheit der rein zufälligen Entscheidungslaune eines tanzenden Elefanten entspringt? Nichts weniger als vernünftig war es also, dass Sinje mit dem Herrenlederschuh an ihrer Seite den Berg herunterwatschelte. Aber es könnte auch nichts egaler sein. Denn jeder, der dieser versonnen/süß/debil vor sich hinlächelnden Person mit den Sommersprossen, dem Entengang, dem Überbiss, den untertassengroßen Augen und dem abgeschabten braunen Herrenlederschuh Größe 46 begegnete, konnte nicht umhin, bei sich zu denken: »In dieser Welt, in der Leute die Schuhe, die sie finden, ins Fundbüro bringen, lebte ich auch gerne. Wenn es nur mit ihr wäre!«

Doch nicht jedem Menschen kann es vergönnt sein, in Sinjes Welt zu leben. Es ist nur wenigen vorbehalten, und auch für diese Glücklichen ist diese Zeit nur knapp bemessen. Doch wenn nach Goethe die Erinnerung an glückliche Tage das zweite Glück ist, so ist das Dritte das davon Berichten. Und deshalb will ich euch von Sinje erzählen.

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