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sheffield: arctic monkeys und milburn. musikalische lieblingsstädte #1.1.

29. Januar 2007 von herr vogel

Es gibt sie noch, die Rock’n Roll-Hauptstädte dieser Welt. Den Auftakt zu dieser losen und brigadentypisch ungemein objektiven Reihe macht das englische Sheffield. Heimat von jungen Bands, denen eindeutig das vergangene Jahr gehörte: Die Arctic Monkeys, Milburn, Little Man Tate und The Long Blondes. Erste Überraschung: Da steht nur ein »The« in vier Bandnamen. Teil 1 des Sheffield-Abschnittes befasst sich mit den Arctic Monkeys und Milburn.


Infokasten: Sheffield ist mit über 520 000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Englands, gleichzeitig Partnerstadt von dem mit Sicherheit ebenso schönem Bochum und Geburtsort von Sean Bean, Michael Palin und nicht zu vergessen König Fussball: der FC Sheffield war der welterste Fussballclub. Außerdem spielte ein Film über strippende Stahlarbeiter dort. Weiters ist Sheffield die Heimat von Warp Records, einer »Legende« in Electronica-Kreisen, die heute neben den grandiosen Maximo Park Künstler wie Jamie Lidell und den Populisten und Nichtskönner Vincent Gallo im Artist-Katalog führt.

Womit wir auch schon beim eigentlichen Thema wären: Musik. In der Vergangenheit bereits durch Bands und Künstler wie Pulp, Joe Cocker und nicht zu vergessen den niemals von mir gehörten Def Leppard in den verschiedensten musikalischen Szenen in Erscheinung getreten, war 2006 ganz eindeutig das Sheffield-Jahr – nicht nur in Szenekreisen:

Arcitic Monkeys – Sheffield

Im Januar eroberten die grandiosen Arctic Monkeys die Herzen und Gehörgänge von Kritik und Publikum gleichermaßen. Die Band aus Sheffield war ein weiterer Beweis dafür, dass die Stunde der neuen Indie-Musik noch immer schlägt – trotz aller Hypes, Pleiten und Doherys der jüngeren Vergangenheit.
Nicht ganz unbeteiligt am Erfolg der Arctic Monkeys waren die wunderbaren Welten des Internets, welche der heiligen Musikindustrie plötzlich nicht mehr ausschließlich zum Verklagen dienten, sondern als 1-A Werbe- und Vermaktungsplattform. Jeder hörte (und hört) die Arctic Monkeys. Ihr Albumtitel »Whatever People say I am, that’s what I’m not« klingt zwar astrein nach lebendigem Teenie-Opportunismus, was sich jedoch hinter diesem verbirgt, ist kleines Juwel junger, wilder Post-Britpop-Musik. Einzelne Titel zu nennen scheint überflüssig, sie sind fast ausnahmslos großartig: Mal wechseln sich Offbeat-lastige Gitarrenparts mit voll verzerrten Explosionen im Refrain ab. Mal kämpfen Bass und Schlagzeug alleine gegen Alex Turners Stimme als melodiös-schiefes Grundelement der Band. Gegeneinander, miteinander, durcheinander. Und irgendwie siegt der Beat am Ende doch.
Ein Traum im Post-Punk/Indie-Gewand.

Die Arctic Monkeys ebneten den Weg für viele in den medialen Mainstream drängene Bands und gaben insbesondere der englischen Presse reichlich Anlass, einen Hype nach dem anderen auszurufen. Das wohl positivste Beispiel hierzu lieferte eine weitere Band aus Sheffield:

Milburn – Sheffield

Mitte letzten Jahres tauchte eine Band in den hiesigen Plattenläden auf, die nicht nur aus dem Sheffield’schen »Freundeskreis« der Arctic Monkeys kam, sondern mit ähnlich viel Lob und NME-Hype gesegnet wurde wie die arktischen Affen: Milburn. Böse Zungen mögen hier von Fahrwasser und dem simplen Versuch sprechen, das »Original« (hust) zu kopieren. Denn natürlich ist es kein Zufall, dass Milburn nur in Nuancen anders klingen als die Arctic Monkeys. Dass dies allerdings nicht automatisch etwas Schlechtes sein muss, ist das mindeste, was man ihrem Debütalbum zugestehen muss (Und wer jetzt von einem ›Neuen Sheffield-Sound‹ spricht gehört geschlagen!).
»Well, Well, Well« ist ein Album, das einen durch bekannte, durchsoffene Abende begleitet: Beginnend mit der Vorfreude, das Haus zu verlassen und schonmal peinlich im Zimmer umher zu tanzen (»Well Well Well«); fortgesetzt mit dem ersten Bier in Gemeinschaft (»Send In The Boys«, »Lipstick Licking«) und einer kurzen Atempause vom Dauertanzen (»Cheshire Cat Smile«), nur um dann total betrunken und ausgelassen den Abend zu feiern (»Brewster«) und den letzten Bus zu verpassen (haha: »Last Bus«). Der Abend klingt aus mit den beiden letzten Stücken, während man mit dem Kopf auf der Theke liegt und das letzte Bier neben einem steht: »What You Could’ve Won« handelt von der verpassten Liebe des Abends und des Lebens, und »Roll Out The Barrel« ist ein akustisches Pub-Ungetüm zum Rekapitulieren des Abends (… »and you’re instopable now, moving on the dancefloor«).

Immer wieder werden die kleinen, aber feinen Unterschiede zu den Arctic Monkeys deutlich: Milburn sind ein Stück konsequenter und gelassener in ihren Melodiepassagen: weniger harte Wechsel kennzeichnen die Instrumentaliserung. Straighter im Gesamten, doch noch immer entfernt von Konventionen. So gehört das.

Teil 2 des Sheffield-Abschnittes: The Long Blondes und Little Man Tate folgt demnächst!

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