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I, 8 – Joa, is denn heut scho Weihnachten?

1. Februar 2007 von LeisureLorence

Was bisher geschah: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7.

Ihr seht richtig, heute gibt es zwei Beiträge an einem Tag.

Denn: Was soll der Geiz!?

Weisheit, so sagte einst ein kluger Geist oder ich, ist nirgends so sehr der Schlüssel zum Glück wie bei der Partnerwahl. Hätte ich damals schon gewusst, was ich heute weiß, nämlich dass ausschließlich 19jährige Tangamodels die Tiefe meiner Seele auszuloten vermögen, mir wäre viel unnötiges Leid erspart geblieben.

Und mir wäre es erspart geblieben, viel unnötiges Leid auszuteilen.

Nehmen wir zum Beispiel Esmeralda (die natürlich nicht wirklich so hieß). Sie war einsam, ich war einsam, sie fand mich nett, wir kamen zusammen, sie stellte in kurzer Zeit fest, dass ich mindestens so verkorkst wie nett war, sie machte Schluss.

Bis zu diesem Moment war die ganze Chose auf beiden Seiten so bedeutungs- wie schmerzfrei.

Doch in der Trennung offenbarten sich bei uns pathologische Verhaltensweisen, die ineinandergriffen wie zwei Puzzleteile, zueinander passten wie Faust und Auge, Arsch und Eimer.

Auf meiner Seite war es eine über lange Zeit sorgfältig herangezüchtete, penibelst gepflegte Unfähigkeit, mit Zurückweisung umzugehen, verursacht durch ein Selbstbewusstsein aus Glas (zerbrechlich und hohl), das jeder Windstoß von den wackligen Tonfüßen fegte.

Esmeralda war hingegen von dem Gedanken besessen, dass sie ein Mensch sei, der mit allen supi-dupi auskäme, und ertrug den Gedanken nicht, irgendwo in dieser weiten Welt könnte sich jemand verkriechen, der sie nicht vorbehaltlos verehrte. Ich vermute, dieser Wahn wurde durch ein Selbstbewusstsein aus Glas (zerbrechlich und hohl) verursacht, das jeder Windstoß von den wackligen Tonfüßen fegte.

Mir war es ein elementares Menschenrecht, dass die zurückgewiesene Partei die Demütigung, die jedes Lebenszeichen der zurückweisenden Partei unweigerlich für sie bedeutete, auslöschen durfte. Telefonnummern und Emails löschen, Briefe verbrennen, gemeinsame Freunde schneiden, Partys bei Anblick aus der Ferne fluchtartig verlassen, ihren Wohnungsschlüssel an Zulieferer der Organmafia verschenken.

Sie hingegen bildete sich werweißwas darauf ein, mit allen ihren Ex-Freunden noch Kontakt zu halten.

So verkehrte sich nach der Trennung die Rolle der Parteien, und wir bereiteten uns eine Lebenszeit ungefilterten Wahnsinns.

Den traurigen Höhepunkt bildete ein Telefongespräch, das ich mit ihr führte, während ich eigentlich arbeitete.

Das Handy klingelte, als ich in der Küche stand, völlig durchdrungen von dem Bewusstsein, eine lächerliche, lebensunfähige und -unwerte Kreatur zu sein, und dem Koch dabei zusah, wie er die Oberfläche von Tomaten mit dem Lappen, mit dem ich bis vor kurzem noch die Toiletten zu wischen pflegte, sorgfältig von ihrem feinen Netz aus Schimmelfäden befreite, um sie anschließend in einen Chefsalat zu schneiden.

Ja, ihr habt richtig gehört, zu diesem Zeitpunkt gehörte es insbesondere, soll heißen: ausschließlich, zu meinen Aufgaben, die Toiletten zu reinigen. Genauer: BIS zu diesem Zeitpunkt.

Wenige Minuten zuvor war die Putzfrau, der ich unterstellt war, ins Bad geplatzt und hatte mit ihrem Kampfschrei »Was dauert das wieder!« meinen vom Porzellanwiderhall der Badalamenti-Synthies verursachten Seelenfrieden arschgefickt.

Entgeistert sah sie mich mit einem frischen Lappen und Kalkreiniger die Waschbecken schrubben.

»Neuer Lappen? Kalkreiniger?«

Ich weiß bis heute nicht, was mir damals die Tracht Prügel meines Lebens ersparte.

Stattdessen stürmte Frau Clausen an mir vorbei in eine der Kabinen und kam mit einer Klobürste wieder hervor, deren Streifenmuster von häufigem Gebrauch Zeugnis ablegte. Diese tauchte sie in einen Eimer, dessen Inhalt das schärfste Desinfektionsmittel der unfreien Welt war, fuhr damit blitzschnell in alle Waschbecken, spülte kurz mit Wasser nach, fertig.

»Siehst du, Arschloch, so wird das gemacht!«, tönte es mir in der Melodei des bekannten Fussballfan-Gesangs entgegen. Einwände meinerseits die Hygiene betreffend wurden dank einer höheren Einsicht in die Ordnung der Welt kompromissloser weggefeudelt als gerade die Bakterien aus den Waschbecken:

»Die ist so vollgesogen mit Desinfektionsmittel, da stört das bisschen Scheiße nicht!«

Mit diesem Versagen hatte sich meine Inkompetenz zu einem weißen Zwerg zusammengeballt. Es war mir gelungen, von der untersten Stufe der Hierarchie, also dem Erdboden, herunterzupurzeln. Ich befand mich nun außerhalb des im »Dorfkrug« geltenden Kastensystems und wurde damit unantastbar, unberührbar.

Als mich Frau Clausen in die Küche schickte, um dort um Arbeit zu bitten, jenen Ort, von dem aus ich mich auf meine Reise begeben hatte, die mich in den Garten und schließlich auf die Toiletten geführt hatte, war mir überhaupt noch nicht klar, welche kosmische Freiheit mit diesem Paria-Status verbunden war.

Stattdessen war ich, wie vielleicht schon erwähnt, völlig durchdrungen von dem Bewusstsein, eine lächerliche, lebensunfähige und -unwerte Kreatur zu sein. Es war, mit einem Wort, ein »Meltdown«-Moment.
Nun muss man dem Leser, der zurecht fragt »Wieso wurde der Spacko nicht achtkantig gefeuert?«, noch erklären, dass im »Dorfkrug« der Leistungsethos suspendiert war. Der Besitzer, den ich nie kennenlernen sollte, hatte die Gaststätte im doppelten Wortsinne abgeschrieben.

Im übertragenen Sinne hatte er jede Hoffnung fahren gelassen, diese seltene Dreifaltigkeit aus furchtbarer Lage, entgrenzter Einrichtung und furztrockener Servicewüste je rentabel machen zu können.

Im wörtlichen Sinne diente der Krug als steuerliches Abschreibungsobjekt.

Jahrelang verließ also den Krug nur, wer in der wahren Geschäftswelt eine bessere Anstellung fand.

Es sollte an mir sein, den Ausnahmefall für diese Regel darstellen zu dürfen. Aber soweit – und jetzt alle!- sind wir noch lange nicht.

Denn jetzt gerade stehe ich in der Küche, suhle mich in Selbstmitleid, höre »Meltdown« und sehe dem Koch bei seinem unheiligen Werk zu.

Solcherart abgelenkt, vergesse ich für einen Moment, dass ich eine gerade die zweifelhafte Ehre habe, eine Stalkerin mein eigen zu nenen, und nehme den unterdrückten Anruf an.

Es entspinnt sich folgender Dialog:

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