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ich möchte teil einer jugendbewegung sein.

26. April 2007 von herr vogel

»Angry Young Men«, jeder kennt sie. Oder auch nicht, denn auch die catchy Umschreibung der jungen Wütenden ist nur noch ein Klischee, glaubt man Wikipedia. Stimmt wohl. Ich kann es zwar nicht bezeugen, aber wahrscheinlich wurden mittlerweile sogar Tokio Hotel als »Angry Young Men« bezeichnet. Wegen dem ganzen Rumgeschreie. Ich könnte es mir vorstellen, passt ja überhaupt gut zur ganzen New Emo-Unzufriedenheit.

Der Mensch, also ich, sucht ja ständig nach neuen Identifikationsflächen. Nach möglichst coolen natürlich, die man dann in sein StudiVZ-Profil schreiben kann und Besucher sich denken: Wow, der identifiziert sich mit wirklich coolen Flächen Dingen. Und so finden sich dann Gruppen zusammen, formieren sich zu Subkulturen, behaupte ich jetzt einfach mal ganz schulmeisterlich. Aber wie war das mit den »Angries«? Da gab es zuerst Jimmy Porter, und erst dann gab es die »angry young men«. Jetzt gibt es nur noch die, die das von damals cool finden. Weiterdenken, pipapo. Manchmal wäre ich auch gern ein »angry young man«. Radikal, kritisch, verstörend. Aber dann denkt man sich wieder, die Welt ist doch eigentlich viel zu komplex für radikale Ansichten. Wir sind die Guten.


Wenn man in 30 Jahren auf unsere Zeit zurückblickt, also auf die Zeit, in der ich jetzt so schön jung und dynamisch bin, noch nicht zerfressen von Bitterkeit und emotionaler Abstumpfung, was wird die Welt dann sehen? Die Zeit der großen Subkulturen ist vorbei. Wir sind die, die es besser haben als ihre Eltern. Wir kämpfen für nichts. I hate myself and I want to… obwohl, Sekunde, das gab’s ja auch schon. Generation X ist so 90er wie Techno. Nichtmal das lassen sie uns. Wir dürfen nichtmal deprimiert sein, weil für uns angeblich nichts mehr übrig ist. Statt dessen picken wir uns unseren Teil heraus, Identifikationsflächen ohne aktuellen Hintergrund. Und was machen wir daraus? Mode. H&M verkaufen Punk, verkaufen Hippie-Öko-Style, verkaufen Identitäten, in die wir uns kleiden. Wir machen daraus Oberfläche, die keinen Bezug mehr zu irgendwelchen Idealen hat. Aber warum auch? Warum gewonnene Kämpfe ausfechten? Wir haben alles, wir dürfen alles. Wir sind deprimiert, wir sind konsumsüchtig. Wir sind übersättigt, und zwar von allem.

Wir füllen unser leer gewordenes Leben mit Kram. Nichts freut uns mehr, wir leben für die Ablenkung. Wir leben für Bier und Drogen. Wir leben nicht um uns zu entwickeln, wir leben für diese eine Hoffnung, die keinesfalls enttäuscht werden darf. Immer wieder, mit immer weniger Motivation. Wir vergiften unsere Körper. Wir vergiften unseren Verstand. Wir sind einsam, asozial und wir sind unpolitisch. Wir haben eine Zukunft, doch wissen wir nichts damit anzufangen. Der Weg führt ins Nichts; zurück in die Bedeutungslosigkeit, aus der wir stammen. Wir sind die Straße, wir sind der Mob. Wir sind die anonyme Masse ohne Ziel vor Augen. Wir sind 2007.

Und wisst ihr was mich daran richtig freut?
Ich habe eine neue Sonnenbrille.

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