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daft punk is playing at my house

5. Dezember 2007 von herr vogel

Zum Anlass der »Neuen Befindlichkeit«, die ja seit ein paar Tagen hier herrscht, habe ich mal im Archiv gekramt (sozusagen in der alten Befindlichkeit). Und da flogen ein paar Texte rum, die ich nie veröffentlicht habe, oder wenn, dann nur in einem kleinen Kreis. Das hier ist dann sozusagen der Auftaktbeitrag der »Verlorenen Texte«. Ist über ein Jahr alt und – Oh Wunder – schließt thematisch den Kreis zum vorherigen Eintrag:

Wir schreiben den 14. September 2006. Hier und jetzt beginnt ein neues Kapitel, im Zug von Köln nach Wien, kurz hinter Köln-Scheißvorort. Und dieses Kapitel startet mit einer Liebeserklärung: Ich hasse Köln – Aus tiefstem Herzen. Wenn ich diesen ewig baufälligen Dom, den Bahnhof daneben und die gesamte Hektik der Straßen nur sehe, könnte ich der versammelten Starbucks-Gesellschaft umgehend vor die schicken Füße kotzen. Ich weiß auch nicht, woher diese Abneigung kommt. Es ist nichtmal wegen der filmwissenschaftlichen Fakultät, die mich seinerzeit auslachte, als ich an ihre elitären Pforten klopfte; Es ist vielmehr dieses Herausgeputzte, Unnatürliche, das Schicke und das Gehetzte an dieser Stadt. Sicherlich mag es auch gemütliche Ecken geben (bei irgendwem im Wohnzimmer schätzungsweise), aber dennoch ist mir diese Stadt unsympathisch: Von Dom bis Karneval, von RTL bis Geißbock.

Dieser zügellose Hass musste einfach mal sein. Ich habe vor kurzem wieder »Catcher in the Rye« gelesen und beschlossen, dass ich eindeutig mehr fluchen sollte. Aus Imagegründen, man bastelt ja permanent an selbigem. Ich bin ja generell ein Mensch, jedenfalls dachte ich das immer, der außer wirklichen Freunden kaum ernsthaft wen an sich heran lässt. Leider ist mir erst vor kurzem aufgefallen, welche Möglichkeiten das für den Rest der Menschen offenbart: Ich kann sein wer ich will, Geschichten erfinden und Scheiße erzählen – und jeder würde es glauben, sofern die Geschichten nicht grad vom Gewinn der Weltmeisterschaft im Ananas-Weitspucken handeln – aber selbst diese ließe sich für einen geübten Lügner einigermaßen glaubhaft vermitteln. Auf jeden Fall habe ich’s mir zur Angewohnheit gemacht, besser gesagt, es ist eine Angewohnheit geworden (und zwar eine dumme), dass ich Menschen, die nach meinem Alter fragen, selbiges erraten und sie dann in dem Glauben lasse, sie hätten damit Recht. Einmal ist das toll für den Ratenden, der sich dann sonst was auf seine Alters-Schätz-Fähigkeiten einbildet und einmal ist das toll für mich, da ich meistens älter geschätzt werde. Und die meisten Leute gehen einfach vollkommen anders mit dir um, wenn sie glauben du wärst 26 oder 28. Jetzt darf man sich natürlich fragen, warum mich jeder für ein paar Jahre älter hält. Whisky, Whisky, Whisky, lautet die Antwort. Oder nein, es liegt am Bart, ziemlich sicher. Andere Methoden, Leute sinn- und grundlos zu verarschen, habe ich bisher nicht herausgefunden, bzw. ausprobiert, denn meistens sage ich ohnehin einfach gar nichts.
Das erinnert mich irgendwie an jemanden aus der Schulzeit: Ein netter, aber etwas verwirrter Kerl mit Hörproblemen, der meist in seiner eigenen Welt versunken schien. Mit seinem Hörgerät drehte er wahrscheinlich die Welt einfach leiser oder lauter wie er wollte. Und während wir alle in den Freistunden in der Raucherecke standen und unsere Gesundheit nachhaltig in die Luft bliesen, saß er alleine an einem Tisch im Gebäude und schrieb. Was er schrieb, wusste keiner. Bis irgendwann das Gerücht auftauchte, er schrieb an einem Science-Fiction-Roman. Schräg, vielleicht ist er der nächste George Lucas, vielleicht aber auch nur der nächste Müllmann um die Ecke – man weiß es nicht. In jedem Fall, er schrieb und schrieb und schrieb. So besessen war ich nie, leider. Aber mein Plan (der großartige, großartige Plan) für das erste Buch, oder für den ersten wirklichen Versuch, ist bereits wieder ad acta gelegt. Weil irgend so ein Jungspund (Jahrgang 1985), 21 der elende Kerl, eine Idee umsetzte, die ich auch vorhatte: Ausschließlich Songtitel als Kapitelüberschriften zu verwenden. Das mag zwar das einzige sein, was sein reales und mein geplantes Buch gemein haben, aber da dies ein sehr schwerwiegender Aspekt des Gesamtkunstwerkes darstellt, nehme ich dieses gerade erschiene Buch (welches ich übrigens niemals lesen werde) zum Anlass, das Schreiben meines eigenen, ohne Frage preisverdächtigen Buches auf irgendwann später zu verschieben. Ich bin ja noch jung und so weiter. Außerdem ist dieses Kapitel ebenfalls mit einem Songtitel benannt. Und aus Protest gegen die sehr wahrscheinlich tiefgründigen und nachdenklichen Titel dieses aufstrebenden Jungmenschen ist es ein völlig nichts sagender Song, der lediglich mit einem lässigen Namen und groovenden Beat punktet. Ins Gesicht. LCD Soundsystem – Daft Punk Is Playing At My House.

So. Und wir gondeln hier jetzt seit anderthalb Stunden durch die Gegend – Und zwar in die falsche Richtung, da dieser Zug von Köln über Düsseldorf (durch die Brust ins Auge) nach Wien fährt. And don’t even get me started on Düsseldorf.

4 Reaktionen zu “daft punk is playing at my house”

  1. Herr Guru

    Sehr schön, Herr vogel! Auch wenn die Tinte dieser Geschichte längst trocken ist, ist sie nicht weniger lesenswert! Welcome back!

  2. Trotz

    Meine herren!
    ich will auch ein archiv!!! und wer hat kapitel mit songtexten betitelt? die sau!!! wollt ich doch auch in meinem buch, dass ich fast schon zu schreiben angefangen habe!

  3. herr vogel

    Hab vergessen wer das war! Unglaublich!
    Aber Stuckrad-Barre hat das zu Soloalbum mit Oasis-Titeln gemacht, wie mich der Läscher informierte. Der fand die Idee aber von vornerein sowieso »total 90er«

    und Herr Guru, es ist mir eine Freude wieder da zu sein!
    Sie bloggen ja auch wieder hab ich gesehen! Das darf der Läscher dann gleich morgen nachmittag in die Blogroll packen

  4. LeisureLorence

    Macht er natürlich sofort!!!