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07 / wien, 14. januar 2008

14. Januar 2008 von herr vogel

Werte Miss Flanders, ich kann nicht umhin, ihren subtilen Hinweis auf ihr neues Blog zur Sprache zu bringen, den sie geschickt in einem Brigaden-Kommentar versteckt haben. Es freut mich wirklich, dass sie nicht mehr den Umgang mit Vereinen wie jetzt.de pflegen. Meine Meinung über jetzt.de – wie Sie sicher wissen, denn ich erwähnte es mehrfach – ist eine derart geringe, dass ich selbst einen Wechsel zu blogger.com als Steigerung ansehe.
Wo wir gerade beim Bloggen sind: Sie nannten es in Ihrem letzten Brief ja »öffentliches Masturbieren« und sprachen einhergehend von Blog-Philosophien … Und mir ist durchaus bewusst, dass ich ihren letzten Brief und sämtliche geplanten Themen für diesen Briefwechsel erneut mit Füßen trete, wenn ich mich nun wieder auf nur einen Aspekt ihrer Ausführungen stürze und dies ganz egozentrisch zur bloßen Selbstdarstellung nutze. Ich möchte mich also dafür entschuldigen, das Gespräch so an mich zu reißen und verspreche, in den folgenden Briefen all die lange geplanten Themen nachzuholen.

Doch, und hiermit kehre ich zum Bloggen zurück: ich möchte da widersprechen, zumindest was meine Philosophie des Bloggens angeht. Denn – und ich möchte an dieser Stelle kurz weit ausholen – der, der hier schreibt, also Herr Vogel, ist wohl nur am Rande mit der Person Christian S. deckungsgleich, auch wenn beim Bloggen ja gemeinhin gilt, dass der, der da schreibt nach Authentizität strebt. Doch sind Sven und ich seinerzeit mit dem Versuch angetreten, ein Litblog zu schaffen, das nicht wie eines aussieht. Ich las viel Klosterman zu der Zeit, er viel Sterne, und das floss bei einem jeden von uns definitiv mit hinein. Wir hatten also den narzistischen Journalisten und den autobiographischen Literaten. Es begann ein undurchsichtiges Spiel mit Identitäten. Unseren, und denen unserer Vorbilder. Damals unterschied ich noch nicht zwischen meiner Person und meinem schreibenden alter ego. Doch spätestens mit der Kolumne (die »B-Seite«, wer sie noch kennt) wurde diese Trennung immer notwendiger, sodass es mir irgendwann sinnvoll erschien, nur noch mein alter ego schreiben zu lassen – und zwar nicht unter meinem bürgerlichen Namen. »Herr Vogel« heißt bekannterweise mein derzeitig schreibendes Ich und – ich denke ich kann es sagen – dieser Herr Vogel ist ein bisschen netter als Christian S. Aber: Er streitet sich dafür öfter, ist ein wenig radikaler und obendrein ist er ein elender Lügner. Zumindest biegt er gerne die Wahrheit ein Stück, meist so weit, dass eine bessere Geschichte daraus wird.
Es wird also eher selten ein privates Ich in dieses Blog getragen und schon gar nicht mit einem bürgerlichem Ich unterschrieben, denn, wie man sieht: der alter-ego-Filter funktioniert meist recht gut. Persönliches findet sich darin wieder, ohne Frage, doch ist all dies alles nur eine wundervolle Melange aus Berechnung, Image und Gepose. Es ist eine (wenn man so will: literarische) Fingerübung, ein simples Experiment, das derzeit einen einfachen Zweck erfüllt: Herr Vogel bleibt am schreiben. Ergo: Dieses Blog ist kein öffentliches Masturbieren, vielmehr ist es guter Sex mit meinem alter ego. Und das schönste: Niemand wird je wissen, ob das hier nicht auch alles nur gelogen war.

Teuerste Grüße,
Erving Goffman

PS: Mit Klosterman ging es mir, zumindest in einem Punkt, anders: Ich konnte seine drei Frauen aus dem Buch nie auseinander halten, geschweige denn, mir ihre Namen merken.

3 Reaktionen zu “07 / wien, 14. januar 2008”

  1. miss f

    ihre geschickt am anfang platzierte bewerbung meines neues blogs lässt so einiges verzeihen. vielen dank dafür schon mal. meine antwort wird leider noch etwas auf sich warten lassen müssen, dieses reale Leben immer.

  2. Die Brigade | blog-briga.de » Blog Archiv » never mind christian simon, here’s wolfgang vogel (oder auch: der pseudonym-diskurs)

    [...] allerdings wird’s ernst. Habe ich vor wenigen Tagen noch, im letzten Brief an Miss Flanders, von der Wichtigkeit dieser Unterscheidung zwischen Christian S. und Herrn Vogel berichtet, ist es [...]

  3. miss f

    morgen kommt endlich die antwort! (hoffe ich) bin betrunken und schreibe deswegen diesen doch relativ unnötigen Kommentar, wie ich gerade merke. anstatt ihn wieder zu löschen, poste ich ihn jedoch. wahrescheinlich eben aufgrund dem bier in meinen venen. ich liebe es.