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09 / wien, 29. januar 2008

29. Januar 2008 von herr vogel

Werte Miss Flanders (1 oder 2 oder 3), es freut mich überaus, dass Sie meinen Rat, in Ihren Briefen ruhig mal etwas provokativer vorzugehen, aufs Ambitionierteste in die schriftliche Tat umgesetzt haben. Ich möchte also antworten und, wie im letzten Brief hoch und heilig versprochen, das thematische Ruder nicht vollkommen an mich reißen.

Eingangs möchte ich auf ihr Vorhaben eingehen, mir „die Augen zu öffnen“ was meine Blogging-Philosophie angeht. Dort liegt bedauerlicherweise ein grundlegender Fehler Ihrerseits vor: Mittels der Verallgemeinerung, dass weibliche Wesen komplexer denken als die männlichen, wollen Sie eine – mit Verlaub – überaus eindimensionale These belegen („Blogging = Masturbieren“), was in meinen Augen jedoch einen eklatanten Trugschluss über insbesondere die männliche Gedankenwelt darstellt. Um bei derlei sexistischen Verallgemeinerungen zu bleiben: Wenn eine Frau glaubt, komplexer zu denken als ihr männliches Gegenüber, heißt das doch oft nur, dass der Mann das Problem schon lange erkannt und durchschaut hat und zu einem Ergebnis gelangt ist (und sei es nur, dass er sich damit abfindet, dass er eigentlich nichts weiß), während die Frau noch verständnislos an den Symptomen herumdoktert, später behauptet, sie „denke einfach zuviel nach“ und aufgrund dessen glaubt (a) komplexer zu denken als der Mann und (b) dies obendrein für irgendwie tiefgründig hält. Sie sehen, ich gestehe den Herren hier zuviel Kredit zu. Im Endeffekt führt dies ja nur zu Enttäuschung. Dennoch möchte ich Sie an dieser Stelle als Beleg auf ein Missverständnis aufmerksam machen: Sie glaubten, meine Blog-Philosophie stütze sich auf zwei Identitäten. Dem ist leider nicht so, ich erwähnte in besagtem Brief mindestens vier. Sie argumentierten also auf wackeliger Basis.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich diesen Provokationsversuch Ihrerseits glatt als Beleidigung auffassen, der getarnt unter viel Honig daherkommt, den Sie der Brigade wiederholt ums Maul schmierten. Glauben Sie nun bloß nicht, ich hätte dies nicht bemerkt und mich davon etwa einlullen lassen! Die Brigade weiß, was für ein tolles Blog sie ist!

Damit Sie mich nicht falsch verstehen, ich halte Sie persönlich durchaus für einen komplex denkenden Menschen und schiebe Ihren Fauxpas lediglich auf Ihren Wunsch, hier zu provozieren. Doch frage ich mich, warum Sie bloggen, wenn Sie das Tagebuchschreiben „idiotisch“ finden. Die Brigade ist nichts anderes als ein geschöntes Tagebuch – ausformuliert auf den beiden Grundpfeilern „Image“ und „Gepose“ – und im Anschluss erdreisten wir uns, es Literatur zu nennen. „By coincidence or by design“, wie schon Placebo sangen. Apropos Placebo: Gestern hörte ich beim Abwasch deren Singles-Collection und fragte mich, ob die ganzen Bon-Jovi-Fans eigentlich je kapiert haben, worum es „Every Me Every You“ überhaupt geht, als sie den Song auf dem „Eiskalte Engel“-Soundtrack entdeckten und ihn fortan lauthals mitsangen, wann immer er auf Tanzveranstaltungen aller Art gespielt wurde. Ich lehne mich nun aus dem Fenster, wenn ich sage: Natürlich blieb dies der weitgehend einzige Placebo-Song, den diese Menschen je gehört haben, und dennoch schreiben sie Jahre später voller Stolz „Placebo“ in ihre Liste der „Lieblingsbands“ auf diversen Social- Networking- Pages. Beschönigungen aller Art, überall.

Beste Grüße,
V.

Eine Reaktion zu “09 / wien, 29. januar 2008”

  1. Johnny Trotz

    Ich möchte Herrn Vogel hiermit unterstellen, dass die genderbenderische Attitüde des Herrn Molko insgesamt als fortgeführte Metapher auf die Vagina-Stephansdom-Debatte angeführt hat. Somit hat er eigentlich die Forderung der Miss F. erfüllt.

    Ein Schelm, wer jetzt »A friend with weed is better« denkt!

    Desweiteren möchte ich au die lexikalisch/morphologische Nähe der Wörter »Beschönigung« und »Verschönerung« hinweisen.

    Womit wir wieder bei der Vagina-Stephansdom-Debatte wären.