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Bogart (Windmühlen, Kapitel 1)

29. Februar 2008 von herr vogel

»Ich bin ein Felsen!«, sagte er, während er vor dem mit Aufklebern tapezierten Spiegel stand, »Ich bin eine Insel!«, fügte er hinzu. Ich stand vor dem Urinal und pisste.

An diesem Ort geschehen Dinge. Dinge, die an gewöhnlicheren Orten als unnormal gelten würden. Hier passieren sie einfach, während man sein Ding in der Hand hält und versucht, die im Urinal verstreute Zigarettenasche der Vorbenutzer in den Abguss zu schiffen. »Es ist ein heruntergekommener Club, aber er wird dort sein«, erinnere ich mich an die Worte des Whiskytrinkers. In diesem Backsteingebäude wohnt der Geist der vergangenen Filmstars, die in schwarz/weißen Bildern über die Leinwand flimmerten. Es ist ein Club von besonderer Atmosphäre, in einem alten Kino, schon seit Jahrzehnten wurde hier kein Film mehr gezeigt. Ich sehe Bogart. Bogart gibt dem Ort eine Seele. Man mag behaupten, es sei nur das Abziehbild dieser Seele, gefertigt aus altem, entzündlichem Celluloid.
Vieles an diesem Ort ist leicht entflammbar.

Er fühlte sich verpflichtet, den Satz zu wiederholen, als sei es ein Motto, nachdem er leben wolle, etwas, woraus er Kraft schöpfen konnte. »Ich bin ein Felsen, ich bin eine Insel«, wiederholte er vor dem Spiegel. Er trug einen Hut. »Darf ich?«, schob ich mich neben ihn ans Waschbecken. Ich fragte, wie er hieß.
Er sagte, sein Name sei Paul.
Ich sagte, sein Name sei Bogart.
Er sagte, sein Name wäre nicht Bogart.
Ich sagte, dann läge hier wohl eine Verwechslung vor.

Was für eine Scheißidee. Martin, der verkackte Whiskytrinker, meinte, ich solle Bogart suchen. Bogart könne mir helfen, einen solchen Vorrat zu besorgen. Wenn es um Drogen in größeren Mengen ging, sollte ich in diesem Club nach Bogart fragen, selbst wenn es sich nur um Marihuana handele. »So ein Quatsch«, sagte ich zu Martin, »bring mir einfach das Zehnfache des Üblichen.« Doch Martin hatte nur geantwortet, ich solle Bogart suchen.

Kurz nachdem ich zu Bogart sagte, dass hier wohl eine Verwechslung vorläge, rief ich Martin an. Bogart wolle nicht mir reden, sagte ich zu Martin und fragte, was zu tun sei. »Er kennt dich nicht«, sagte Martin, »Hat er in Zitaten geredet?«
Dann fiel es mir ein. Bogart, elender Dreckskerl. »Er hat dich wahrscheinlich getestet«, fuhr Martin fort. »Scheiße, das weiß ich jetzt auch«, antwortete ich und legte auf.

Ich hätte es wissen müssen, das Zitat war eindeutig. Mein Blick streifte durch den Laden, Bogart stand in einer Ecke, lehnte an einer der Backsteinwände und redete mit einem blonden Mädchen. Er stand auf diese jungen blonden Dinger, mit perfekter Figur und zuviel Haarspray frisiert, die aussehen als seien sie Filmstars oder wollten es einmal werden. Rauch, Dunst, Bühnennebel beherrschten den Club. Ich wartete, bis die Blonde sich kurz von Bogart abwendete und ging auf ihn zu. Er rauchte. Ich lehnte mich neben ihn an die Backsteinwand und sagte: »Und eine Insel weint nie.«
»Hat dir das der Typ am Telefon verraten?«, fragte Bogart ohne mich anzusehen und ergänzte schließlich: »Der Whiskytrinker sagte schon, du würdest hier auftauchen.«

Und wir waren im Gespräch.

Übersicht: Vorwort

Anmerkung: »Bogart« minimal überarbeitet, erschien testweise bereits auf russischbrot.net

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