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Uschis Abenteuer: Eine kurze Anekdote über den Protagonisten zur Einführung des Lesers in die Geschichte (Windmühlen, Kapitel 2)

29. Februar 2008 von herr vogel

»Angenehm, Wolfgang Vogel«, stellte sich Herr Vogel bei Natalia, der Regisseurin, vor. Sie hatte seine Telefonnummer von einem gemeinsamen Freund bekommen, der ihr Herrn Vogel hatte empfehlen können. Er könne ihr helfen, sagte dieser gemeinsame Freund, denn mit Dramaturgie und insbesondere mit Dramatik kenne sich Herr Vogel aus. Dies verrate schon sein Hut.

Dass ein Mensch wie Herr Vogel, der sich auf dem Papier so vorzüglich mit Dramatik und Dramaturgie auskannte, im wahren Leben so kläglich am Timing scheiterte, ist nur einer der paradoxen Umstände, die sein immer freundliches Wesen grob umreißen. Den richtigen Zeitpunkt zu verpassen, verfolgte ihn. Dennoch war Herr Vogel ein geborenes Glückskind. Und wäre er keines, so wäre er wohl schon vor Jahren vom Bus überfahren worden. Ihm passieren Dinge. Und was Herr Vogel beruflich macht, das wechselt gerne wöchentlich. Seine letzte Anstellung verlor er vor sechs Wochen, in einem großen Multiplexkino, wo er als Filmvorführer arbeitete. Tragischer Auslöser seines jüngsten Rauswurfs war ein – wie er fand – genialer und lediglich gut gemeinter Coup: Zur Zwanzig-Uhr-Vorstellung führte Herr Vogel anstatt dem geplanten Harry-Potter-Teil eine von der breiten Öffentlichkeit verschmähte Low-Budget-Produktion vor; eine seines guten Freundes Martin. »Uschi – Vaginale Abenteuer einer Einbrecherin« war hierbei kein gewöhnlicher Porno aus dem wenig renommierten Hause Martin Mittsommer, es war obendrein das Schauspieldebüt von Herrn Vogels Mitbewohnerin Valentina Vulva. Dass der Film so grottenschlecht war, dass er im Hardcore-Genre keinen Verleih fand, war für Herrn Vogel keinesfalls ein Grund, den Film nicht trotzdem der Öffentlichkeit vorzuführen. Er fand die Geschichte um diese hübsche, aber erfolglose Einbrecherin, die in den Wohnungen, in die sie einbrach, stets einen neuen Sexualpartner fand, durchaus gelungen und erzählenswert. Wollte ihm jemand in seiner Meinung Befangenheit unterstellen, hatte er dies stets verneint. Er fand diesen Mist tatsächlich gut. Zu irgendetwas musste sein lausiger Filmvorführer-Job doch gut sein, befand er also und beschloss, die »Uschi-Abenteuer« in die bestbesuchte Vorstellung des bestbesuchten Kinofilms an diesem Abend einzuschleusen. Um potentiellen »Uschi«-Flüchtlingen vorzubeugen, sperrte Herr Vogel sicherheitshalber die Saaltür hinter dem letzten Gast ab.
Eine halbe Stunde später befand sich der »Guerilla- Filmvorführer«, wie die Presse Herrn Vogel später nennen sollte, in Polizeigewahrsam. Die »Uschi-Abenteuer« wurden offiziell beschlagnahmt und ein qualifiziertes Psychologenteam hatte seine liebe Not mit der Betreuung von rund achtzig Zehnjährigen, die sich unter dem letzten Harry-Potter- Abenteuer etwas gänzlich anderes vorgestellt hatten.

Die tragischen Zeitpunkte. Hätte Herr Vogel nur drei Stunden gewartet und »Uschi – Vaginale Abenteuer einer Einbrecherin« dem ebenfalls zahlreich erschienenen The Hills Have Eyes-Publikum vorgeführt, dann wäre es wohl nicht einmal nötig gewesen, die Tür abzusperren. Seine seriöse Anstellung als Filmvorführer hätte er auch dann zweifellos verloren, doch die Untersuchungshaft wäre ihm womöglich erspart geblieben. Wie am Ende dieser schmerzlichen Episode doch wieder alles gut wurde, ist einzig und allein Herrn Vogels Glückskindstatus zu verdanken, der ihm so treu blieb wie das schlechte Timing. Nicht nur, dass der in Ehre ergraute Richter ein großer Freund sämtlicher Produktionen aus dem wenig renommierten Hause Mittsommer war und Herr Vogel deshalb erstaunlich glimpflich davonkam. Der Skandal machte obendrein die Schundproduktion »Uschi – Vaginale Abenteuer einer Einbrecherin« innerhalb kürzester Zeit so berühmt, dass Martin Mittsommer in die B-Liga der nationalen Pornoproduzenten aufstieg und Valentina Vulva gleich ihre eigene Produktionsreihe bei ihm bekam: »Valentina Vulva: Farmerstochter aus Leidenschaft«. Herr Vogel selbst war nach dem Uschi-Zwischenfall zwar arbeitslos, doch nicht für allzu lange. Martin Mittsommer empfahl ihn weiter, an eine gute Freundin, die einen Dramaturgen für ihr aussichtsloses Theaterstück suchte.

»Angenehm, Wolfgang Vogel«, stellte sich Herr Vogel bei Regisseurin Natalia vor. Als er ihr die Hand gab und ihr die Augen blickte, war er sich sicher, auch hier viel Gutes vollbringen zu können.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

2 Reaktionen zu “Uschis Abenteuer: Eine kurze Anekdote über den Protagonisten zur Einführung des Lesers in die Geschichte (Windmühlen, Kapitel 2)”

  1. Johnny Trotz

    Hut. Ab.

  2. Chrischel

    großartig…mehr sag ich dazu nicht!