Die Brigade | blog-briga.de

feel free to masturbate
Nach unten

Warum ich dem Kleinstadtfrisör noch immer den Vorzug gebe, auch wenn man ihm erklären muss, was »Indie« ist

22. Februar 2008 von herr vogel

Was mich auch umgehend zum essentiellen Unterschied zwischen Frisören in Wien und Bitburg bringt: Kommt man als röhrenbejeanster Chucksträger in den Salon, genügt dem Großstadtfrisör als Antwort auf die Frage nach dem gewünschten Haarschnitt bereits ein einfaches »Mando Diao« und zwanzig Minuten später sieht man aus wie Björn Dixgard oder Gustaf Norén; je nach Haartyp. Ähnliches dauert in der Kleinstadt ungefähr doppelt so lang, dafür kriegt man eine Tasse frischgebrühten Kaffee und fühlt sich einerseits schön heimisch und gut aufgehoben, andererseits als Botschafter der Großstadt. Denn man darf die Friseurin (die hier noch nicht »Stylistin« heißt, aber auch schon nicht mehr »Friseuse«) ausführlich über den gewünschten Haarschnitt informieren. »So Indie halt« dürfte hierfür nicht ganz ausreichen, genaue Längenangaben sind ein Muss, Symetrie im Endergebnis je nach Salonideologie angestrebt. Bei den Damen gilt zu beachten: Großstadtfrisöre haben den Stränchen den lange erhofften Krieg erklärt und boykottieren den 90er Jahre Streifenhörnchenlook. Kleinstadtfrisöre fröhnen dieser Leidenschaft noch ohne schlechtes Gewissen, auch bei den Herren gerne in blond oder lila. Ich verurteile dies zutiefst.

Ich bin bekannterweise ein Kleinstadtkind, obendrein ging ich zwanzig Jahre zum selben Frisör. Der Chef dort (er nennt sich »Coiffeur«) war obendrein eine große Nummer im örtlichen Fußballverein, kannte mich also auch dorther. In der C-Jugend war ich mal Kapitän, ich bekam also Rabatt. Mit dreiundzwanzig Jahren, dann in Wien, habe ich zum ersten Mal mehr für einen Haarschnitt bezahlt als zwölf Euro – natürlich direkt das zweieinhalbfache, und manch einer mag behaupten, auch dies sei noch günstig für einen vortrefflichen Popper-Schnitt wie meinen. Die Welt ist teuer, Haarschnitte insbesondere. Und um zur eingangs getätigten Aussage zurück zu kommen, warum ich eben lieber zum Kleinstadtfrisör gehe: Es liegt nicht am Preis. In Wien muss der Schnitt halt doppelt so lange halten wie in Bitburg. Nein, das ist es nicht. Es ist der Kaffee, der mir gebracht wird. Und dass derjenige, der mir die Haare schneidet, die Klappe hält. Mir ist das wichtig, dafür gebe ich auch gerne Trinkgeld.

7 Reaktionen zu “Warum ich dem Kleinstadtfrisör noch immer den Vorzug gebe, auch wenn man ihm erklären muss, was »Indie« ist”

  1. Johnny Trotz

    wundervoll, Mister! finde ich spitzenmäßig!

  2. miss f

    meine ländliche ex-friseurin war leider weder redefaul, noch hatte sie lange zeit über einen salon. sie kam ins haus und ging viele, viele sprechintensive stunden später. Trank auch noch unseren kaffee und föhnte meiner mutter die haare von hinten ins gesicht. verrückt. da lob ich mir die bitburger art!

  3. chris

    wunderbarst.
    ich kann das fast 1:1 wiedergeben!

    aber bzgl kosten. mein letzter haarschnitt war PHÄNOMENAL………………… arschteuer

    95 euro.
    ich dachte ich kotz denen in die kassa
    ich hab den 100er liegen lassen.
    5 euro trinkgeld.
    weil ich mir dachte… von denen will ich nix mehr zurück.

    blah!

  4. Captain America

    He Tse, was nennt sich diese nicht-Stylistin un-Friseuse denn, wenn überhaput etwas? Findest du außerdem das die AMERIKANIFIZIERUNG am Land deutlich niedriger, höher oder gänzlich deutlich undeutig ist.

    »Fröhnen« fand ich übrigens in meinem Wörterbuch nicht.

  5. herr vogel

    »Friseurin«, ganz unamerikanisiert. »Friseuse« wars früher, klang wohl zu abwertend. Oder zu sehr nach »Fritteuse«.
    Mein Wörterbuch übersetzt frönen mit »indulge«, aber nur wenn man es richtig schreibt (also nicht wie ich oben mit h)

  6. Captain Soda

    Hey. sehr nett. Einmal Mando Diao zum mitnehmen bitte und ein kaffe zum hiertrinken.danke.
    und chris. hundert euro für einen haarschnitt?? hui.

  7. Herr Guru

    Also Herr vogel, ich sehne mich hier auf dem Land förmlich nach mundfaulen Friseusen die mich nicht in Gespräche verwickeln wollen die an Belanglosigkeit kaum zu überbieten sind. Interessant auch: zwei mal beim selben (hochfrequentierten) Friseurladen mit genügend Zeitabstand, und die bekommst die selbe Scheiße von der selben Friseuse zum zweiten mal zu hören. Vielen Dank. Wenn es nach mir ginge hieße mein Lieblingsfriseur »Langhaarschneider«. Der hält wenigstens die Schnautze.