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Apfelwein (Windmühlen, Kapitel 5)

25. März 2008 von herr vogel

Ich hatte sie sofort erkannt. Das zierliche Gesicht, die tiefschwarzen Haare. Dazu ihr rotes Kleid, von dem ihr Mörder einen abgerissenen Fetzen mit Absicht oder ohne ins Paket gegeben hatte, als wolle er mich daran erinnern, wie wunderschön sie darin ausgesehen hatte. Hatte Anna geahnt, was sie erwartet? Hätte ich es wissen müssen?

Wie ich Annas abgetrennten Kopf wieder loswurde, war so unschön, darüber verliere ich kein Wort. Das traurige Ende einer wunderschönen Frau. Ich erinnerte mich an Valentina, Annas verschwundene Freundin, von der sie mir bei ihrem Besuch hier erzählt hatte. Ich fragte mich, ob es ihrem Kopf besser ergangen war. Eine Woche war es her, dass ich Annas Kopf in Zellophan gewickelt und sorgsam in einem Paket verpackt vor meiner Wohnungstür fand. Seitdem war nichts passiert, allerdings stellte ich auch keine Nachforschungen an. Was interessierte mich diese Valentina? Schon ohne die verschwundene Lesbe hatte ich genügend Probleme.

Ohne die übliche Voranmeldung stand Martin der Whiskytrinker am Abend vor meiner Tür und fragte, ob eine gewisse Anna mich gefunden hatte. Er sah aus, als hätte er die ganze Woche nicht geschlafen. Ich erzählte ihm was passiert war. Aufgebracht schrie er mich an, warum in aller Welt ich ihr nicht geholfen hatte, denn er hätte sie nicht ohne Grund zu mir geschickt.
»Weißt du eigentlich, wie viele Irre du im letzten Jahr zu mir geschickt hast? Meine Schuld bei Dir ist lange getilgt«, sagte ich. »Noch nicht ganz«, gab er mir als Antwort. Ich sagte, er solle erstmal duschen gehen.

In meinem Geschäft ist es hilfreich, ein paar Gefallen gut zu haben. Mal stehst du in jemandes Schuld, mal schuldet derselbe Kerl dir etwas. Alles hat seinen Preis. Für mich war es nun an der Zeit, meine Schuld beim Whiskytrinker zu tilgen. Endgültig. Bestenfalls, so dachte ich mir, hatte ich am Ende des Tages sogar bei ihm was gut. So kam es also, dass ich letztlich doch Nachforschungen über Anna anstellte. Wer hatte sie umgebracht und wie war es Valentina ergangen. Dass das Verschwinden der einen mit dem Tod der anderen zusammen hing, war denkbar wahrscheinlich.

Ich verabredete mich mit Bogart im Brick, dem finsteren Club im Keller eines Backsteingebäudes, wo ich ihn vor über einem Jahr zum ersten Mal getroffen hatte. Das Brick war nach wie vor sein Stammlokal und sein Büro, von dort aus regelte er seine Geschäfte. Wir nannten den Laden nur B. Die Besitzerin, eine gut aussehende Russin namens Natalia, hatte einen Deal mit Bogart: Er sorgte für ihre Sicherheit, sie hatte ihm dafür ein kleines Hinterzimmer für seine Geschäfte leer geräumt. Sie stellte keine Fragen, so lange er seinen Job machte. Das hatte Bogart mir in einer betrunkenen Stunde im B erzählt. Wenn er zuviel trinkt, wird Bogart vertrauensselig. Zu vertrauensselig, für meinen Geschmack.

Wir saßen an der Theke und rauchten seine Selbstgedrehten. Ich spendierte ihm einen Apfelwein, aus irgendwelchen Gründen mochte er das süße Zeug. Wir sprachen übers Geschäft, das reguläre Geschäft vorerst. Erst später, wenn wir von Apfelwein und Bier beim Hochprozentigen angelangt waren, wollte ich nach Anna und Valentina fragen. Im B war wenig los, Natalia schickte ihre einzige Bedienung an dem Abend nach Hause und spülte hinter der Theke ein paar Gläser. Bogart orderte zwei Schnapsrunden für uns, und wenig später fragte ich ihn, was er über die zwei Lesben Valentina und Anna wusste. Vorher hatte er noch freudig alkoholselig von einem durchgeknallten Kunden berichtet, der ihm letzte Woche eine Schrotflinte unter die Nase hielt, doch seine Laune sank dank meiner Frage nach den Lesben schlagartig in den Keller.
»Was willst du?«, fragte er mich.
»Nur ein paar Informationen. Was ist die Geschichte der beiden?«
»Sie haben sich mit den falschen Leuten eingelassen. Du hältst dich da besser raus.«
»Gewisse Umstände machen das leider unmöglich.«
»Wenn es keine wirklich dringenden Umstände sind, dann lass es bleiben«, warnte er mich noch, und es war das Letzte, was er an diesem Abend zu dem Thema sagte. Bald darauf gingen wir beide unserer Wege. Am nächsten Morgen entdeckte ich in meiner Manteltasche einen Zettel, auf dem stand: »Gott fragte Noah, ob er sterben wolle. Er sagte: Nein, Sir«, auf der Rückseite stand eine Adresse.

Wie ich später herausfand, hatte Natalia den Zettel in meine Tasche gesteckt, sie hatte mein Gespräch mit Bogart belauscht. Kühlschrank, Medikamentenschrank. Alkohol und Tabletten. Ich kämpfte noch mit den Schmerzen, während ich die alte Beretta aus dem Schuhkarton unter der losen Diele hervorkramte. Ich nahm meinen Hut und verließ die Wohnung. Mit dem Zettel in meiner Tasche ging der ganze Ärger los – und mit einem Typen namens Noah, den ich unter der Adresse auf Natalias Notiz finden sollte.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

2 Reaktionen zu “Apfelwein (Windmühlen, Kapitel 5)”

  1. Johnny Trotz

    mehr mehr mehr!

    noah?
    alles so schwarzweiß hier…

    ich freu mich drauf!

  2. Chrischel

    Der Herr Trotz hat recht, ich krieg die verdammten monochromen rauchschwaden nicht mehr weg….