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Isolde und Marijan: Eine irre Geschichte über viel Apfelwein und noch mehr Schiffe. Mit Lesben! (Windmühlen, Kapitel 6)

27. März 2008 von herr vogel

Herr Vogel hatte Ideen. Isolde und Marijan war kein gewöhnliches Theaterstück, schon nicht in der Originalfassung eines gewissen Walter von der Apfelwiese aus dem Jahr 1818. Walter von der Apfelwiese fand wohl, es wäre eine lustige Idee, wenn sein erstes und einziges Theaterstück von Apfelwein handeln würde. Apfelwiese, Apfelwein: Walter hatte einen seltsam schlechten Humor. Bis Natalia und Herr Vogel Isolde und Marijan in die Hände bekamen, existierte nur eine einzige Überarbeitung des Stücks – von einem Holländer, aus dem Jahr 1964. So wirklich erfolgreich lief das Stück damals nicht, doch hatte der Holländer dem Ausgangsmaterial einen interessanten Aspekt hinzugefügt, den auch Natalia für ihre Bearbeitung verwenden wollte: Isolde, die weibliche Protagonistin, sollte nun lesbisch sein, was der ganzen tragischen Schnulzenstory um sie und Herzensbrecher Marijan um einen brisanteren Unterton verlieh. Die Geschichte geht ungefähr so: Marijan ist ein Weiberheld und kann jede haben, die er will. Außer Isolde. Im Original war Isolde einfach nicht an dem Aufschneider Marijan interessiert, in der holländischen Überarbeitung hatte dies einen tiefer gehenden Grund: Isolde steht halt nicht auf Kerle. Stattdessen pflegt sie eine intensive – in der Überarbeitung eine sehr intensive – Beziehung zu ihrer Zofe Annegret. Marijan kann sich damit nicht abfinden und rastet völlig aus: Ausgerechnet er, der große Held, kann alle Weibsbilder haben außer der einen, dem besten Weibsbild das er kannte, der einen, die er wirklich wollte. Das ist zuviel für ihn und am Ende sind alle tot. Auch der Hofnarr, der als dauerbetrunkener Erzähler durch die Geschichte führt. Warum der allerdings sterben musste, wird wohl ein Geheimnis von Walter von der Apfelwiese bleiben. Herr Vogel glaubte, Walter hatte seinen Erzähler einfach gehasst und in dessen ständiger Trunkenheit die gestörte Beziehung zu seinem Vater Diether von der Apfelwiese verarbeitet. Beweise hierfür hatte Herr Vogel jedoch keine, ihm gefiel einfach die Theorie.
Das Stück an sich jedenfalls, bot dank der zahlreichen Logiklöcher schier unendliche Möglichkeiten für potenzielle Überarbeitungen. Kurz überlegte Natalia, diesen ganzen Unsinn mit der »Apfelweinkrise«, vor deren Hintergrund das Stück spielt, einfach fallen zu lassen. Herr Vogel befand jedoch, diese rahmengebende Krise verdeutliche schön die handlungsinternen Konflikte der Protagonisten. Natalia vertraute Herrn Vogel, denn mit Dramatik und Dramaturgie kannte er sich aus, und die Apfelweinkrise blieb Teil der Geschichte.

In einer zentralen Szene des dreistündigen Stücks stürmt ein wutentbrannter Marijan in Isoldes Schlafgemach, wo er sie und ihre Kammerzofe Annegret beim gemeinsamen Bad erwischt. Im Original und selbst in der ersten Überarbeitung fand diese Szene so nicht statt, hier bereitete Annegret lediglich gerade ein Bad für Isolde vor, als Marijan hineinstürmte. Doch Natalia und Herr Vogel gingen in die Vollen mit dem Lesbenthema. Im folgenden, hochdramatischen Dialog offenbaren Isolde und Marijan nun ihre Gefühle, bzw. ihre nicht vorhandenen Gefühle für einander. Dramaturgisch wichtig ist hier der zunehmende, bzw. abnehmende Grad der Bekleidung der Protagonisten: Die nackte, badende Isolde zieht während des Dialogs mehr und mehr Kleidungsstücke an, der bekleidet hereingestürmte Marijan immer mehr aus – bis er letztlich völlig nackt vor seiner Angebeteten steht. Diese Szene konnte noch so platt sein, Herr Vogel erfreute sich an jeder Form von Symbolik. Während Marijan in seiner zunehmenden Nacktheit alles offenbarte, bemühte sich Isolde vergebens, ihr entdecktes Geheimnis wieder zu verbergen. Im Original zog sich Marijan nach diesem Dialog für drei Tage in den Wald zurück, um nachzudenken. Nach seiner Rückkehr tötete er zuerst Isolde, dann Annegret und ohne erkennbaren Grund den betrunkenen Erzähler, bevor er schließlich sich selbst richtete. In Natalias und Herr Vogels Überarbeitung wurde dieser Schluss leicht abgewandelt: Nach der Badewannen-Szene traf sich Marijan mit dem Hofnarr, eben jener Erzählerrolle im Stück, auf ein schales Bier in der düsteren Dorfschenke. Er erzählte ihm, was er gesehen hatte in Isoldes Schlafgemach und dass er nicht wisse, was dies alles zu bedeuten habe. Marijan hatte keine Ahnung von lesbischer Liebe, er fand das gemeinsame Bad nur höchst unangebracht. Der Hofnarr klärte Marijan folglich über das Bad der Frauen auf, beteuerte aber, dies sei nur eine Vermutung, von derlei Schweinereien wisse er im Großen und Ganzen eigentlich gar nichts. Rasend vor Wut stach der einfältige Marijan nun auf den Hofnarren und Erzähler ein (mit den Worten: »Du redest wirr, Narr!«) und stellte wenig später Isolde und Annegret zur Rede. Obwohl die beiden alles abstritten, denunzierte sie Marijan später öffentlich als schändliche Gotteslästerer. Isolde und Annegret wurden in einer dramatischen Scheiterhaufensequenz hingerichtet und Marijan fuhr mit seinem Schiff hinaus den Ozean hinaus und sprengte sich mitsamt seiner Besatzung in die Luft.

Herr Vogel liebte ein solch effektvolles Finale.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

5 Reaktionen zu “Isolde und Marijan: Eine irre Geschichte über viel Apfelwein und noch mehr Schiffe. Mit Lesben! (Windmühlen, Kapitel 6)”

  1. Johnny Trotz

    ich sage: jajaja! und »du redest wirr, narr!« ist einer der am lustig klingensten sätze überhaupt. jetzt mal so rein lautlich gesehen.

    der nögler sagt: das geschehen des stückes fängt im präsens an und rutscht dann ins präteritum ab. das versteht der nögler nicht, die sau!

  2. Chrischel

    Hahaha,wie geil..

    Den Narr-Satz wollt ich auch loben, schon bevor ich denk kommentar über mir erblickt hab!

    platte symbolik lob ich mir übrigens!

    Ich würde Annegret übrigens als burschikoses Mannsweib mit ienme der Dachdecker besetzen…

  3. herr vogel

    Ohja, die Zeit!
    Kommt dann in der zweiten Fassung.

    Freut mich dass es gefällt!

  4. Zögling

    Ja. Sehr schön. Irgendwo zwischen The Big Sleep, Naked Lunch und Schlingensief. Ich sehe den kleinen (er ist doch klein? Gross kann ich ihn mir nicht vorstellen…) Herrn Vogel vor Vergnügen in die Hände klatschen und auf und abspringen und das hat mir diesen ziemlich hässlichen Tag schon ziemlich versüsst… In diesem Sinne: Dankeschön!

  5. herr vogel

    Dankeschön, das freut natürlich! In Folge darf man Herr Vogel als klein betrachten, mit Hut versteht sich.