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Natalias Theater: Zur Ausgangslage einer irren Geschichte über lesbische Liebe und sinkende Schiffe (Windmühlen, Kapitel 4)

17. März 2008 von herr vogel

Natalia war nicht zufrieden mit ihrem Theaterstück, sofern man bei diesem groben Entwurf tatsächlich von einem Theaterstück sprechen konnte. Aus Zeitgründen hatte sie bereits mit den Proben beginnen müssen, und das obwohl der Theatertext gerade halbfertig war und ihr Dramaturg vor kurzem das Weite gesucht hatte. »Ich wünschte, dieser Arsch wäre tot«, schimpfte Natalia auf Vitali, den desertierten Dramaturgen, während Herr Vogel im leeren Publikumsraum des Fialka- Theaters saß und Natalia ihm den halbfertigen Theatertext in den Schoß warf. Vitali, so erfuhr Herr Vogel kurz darauf, war obendrein Natalias frischgebackener Exfreund. Er hatte somit nicht nur seinen Dramaturgenjob an den Nagel gehängt, sondern seine private Beziehung zur Regisseurin Natalia gleich mit. »Der Arsch ist zurück nach Russland, um diese Ballett-Schlampe zu vögeln!«, beschrieb es Natalia ihrem Ersatzdramaturgen Herrn Vogel, der sichtlich beeindruckt schien von Vitali und dessen Begabung, sinkende Schiffe im letzten Moment noch zu verlassen. Er selbst hatte dies nie geschafft. Er neigte eher dazu, kurz vor dem Untergang noch an Bord zu springen.

Isolde und Marijan hieß das gerade sinkende Schiff, eben jenes Theaterstück, das Natalia zu inszenieren gedachte. Die ersten Proben verliefen nicht gut, was aber auch – so erläuterte Natalia relativierend – an ihrem Hauptdarsteller Hans (Marijan) lag, der neben unschönen Starallüren eine ausgewachsene Grippewelle ins Ensemble einschleppte. Auch störte sich Natalia ganz grundsätzlich an der Tatsache, dass Hans keinen Nachnamen besaß. »Er hält sich für Prince oder Madonna oder sowas! Oder Twiggy!«, meinte sie. Allüren dieser Art waren ihr zuwider. Herr Vogel hielt dagegen, Hans habe immerhin die Hauptrolle in achtundvierzig Martin-Mittsommer-Pornos gespielt, das wäre doch vorzeigbar. Dennoch blieb Natalia ihrer Überzeugung treu, im seriösen Theaterfach besäßen derlei Erfahrungen keinerlei Wert. Dem gab sich Herr Vogel dann geschlagen, auch wenn er glücklich war, mit Hans wenigstens einen erfahrenen Schauspieler im Ensemble zu wissen – der Rest waren Studenten und arbeitslose Dachdecker.

Das genaue Ausmaß der Tragödie, die ihm der Dramaturg und Balletthasenverführer Vitali hinterlassen hatte, konnte Herr Vogel noch nicht in Gänze erfassen, als er das Skript im Fialka durchlas. Doch als er das grippeschwache Ensemble am selben Abend bei der Probe beobachtete, dämmerte ihm allmählich, wie viel Arbeit noch auf ihn zukommen würde. Um Geld zu sparen hatte Natalia eine goldene Idee: Sie besetzte sämtliche Nebenrollen mit mehr oder weniger theaterbegeisterten Dachdeckern, die jetzt im kalten Winter arbeitslos waren. Die Dachdecker waren im Allgemeinen auch nicht so wählerisch was das Catering anging und konnten als handwerklich versierte Menschen obendrein beim Kulissenbau helfen. Eine Win-Win-Situation, dachte Natalia. Die Hauptrollen besetzte sie mit Studenten, die ohnehin nichts Besseres zu tun hatten. Dazu kam im Ensemble von Isolde und Marijan der altgediente Pornodarsteller Hans, der einen Neuanfang am Theater wagen wollte. Die Schauspielkünste ihres Ensembles hielten sich dem entsprechend zwar in Grenzen, doch hoffte Natalia, dies durch ein gutes Skript kompensieren zu können. Mutige Ideen und sichere Bänke waren gefragt.

»Und, was denkst du?«, fragte Natalia Herrn Vogel, der wie versteinert auf die Bühne starrte, auf der Hans gerade einen zentralen Monolog über die Bedeutung von Liebe in Zeiten der Apfelweinkrise hielt. Hans nieste. Zwei Studentinnen putzten sich die Nase. Drei Dachdecker husteten. Herr Vogel nahm einen Schluck Kaffee, und sagte: »Toll!«

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

5 Reaktionen zu “Natalias Theater: Zur Ausgangslage einer irren Geschichte über lesbische Liebe und sinkende Schiffe (Windmühlen, Kapitel 4)”

  1. Johnny Trotz

    ich mag das, ich mag das!

  2. miss f

    i agree. das ende ist auf dem garpunkt. al dente, wenn man so will.

  3. Chrischel

    ist mir erst beim zweiten lesen aufgefallen:

    »(…)der Rest waren Studenten und arbeitslose Dachdecker.«

    Das würde ich da rausholen…der schöne Studenten-und-Dackdecker-Spaß wird da viel zu leciht rausgeschleudert…

  4. Chrischel

    ansonsten toll, aber das hab ich dir ja schong esagt gehabt :)

  5. herr vogel

    Jap mich hats auch irgendwie gestört dass beides doppelt ist. müsste da ein bißchen absätze rumschieben. mal schauen, kommt dann bei der überarbeitung :_D