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Schrot (Windmühlen, Kapitel 7)

31. März 2008 von herr vogel

Hätte ich es vorher gewusst, ich hätte meine Nachforschungen eingestellt. Oder zumindest hätte ich dieses Haus nie betreten. Ich hätte behauptet, ich hätte Besseres zu tun. Geschäftliches. Den Anklopfenden ihre Drogen verkaufen. Doch nachdem ich Natalias Notiz mit der Adresse in meiner Tasche fand, machte ich mich noch am selben Tag auf den Weg. Zwar hatte ich die Beretta im Gürtel, aber dass die ganze Scheiße so den Ventilator trifft, hat ja auch niemand ahnen können. Dieser Noah wohnte am anderen Ende der Stadt, in einer der besseren Gegenden, oder zumindest einer dieser Gegenden, die die Leute als besser bezeichnen. Keine Huren, keine Junkies, keine Obdachlosen. Dafür Fitnessstudios und schicke Restaurants, in denen es nur Suppe gibt. Die heißen dann »Suppenküche«, fast so, als wollten sie sich über die Suppenküchen der Obdachlosen am anderen Ende der Stadt lustig machen. Nicht das Bonzenviertel, nicht das mit den teuren Villen und opulenten Gärten, eher eines der Szeneviertel der Stadt mit hippen Bars und Lofts. Und hätte ich gewusst, dass mich unter der Adresse ein Irrer mit Schrotflinte erwartet, ich wäre Zuhause geblieben. Ich schaute auf Natalias Notiz, ich stand vor dem Haus. Eingangstür angelehnt, Parterre, Treppe, erster Stock. Nummer 12, da links. Ich klopfte an die Tür.

Ein Schuss fällt.
Ich falle.

Ein Riesenkrach. Ein zweiter Schuss fällt. Erstaunlich dünne Türen für eine teure Wohnung. Ich hätte mehr abgekriegt, hätte ich nicht ein Stück seitlich zur Tür gestanden. So trafen mich nur wenige Kugeln der Ladung Schrot, die Noah durch die geschlossene Wohnungstür pulverte. Ich blutete, meine linke Seite, weißes Hemd, zunehmend rot durchnässt. Ich kauerte am Boden, lehnte mich gegen die Wand neben der durchschossenen Tür. Die Beretta gezogen wartete ich, dass Noah aus der Tür kam.
Doch er kam nicht, wartete ab, Feigling. Schießt durch eine geschlossene Tür und schaut nicht einmal nach, ob er getroffen hat. Sein Schuss hatte das Türschloss zerstört, mit dem Fuß konnte ich die Tür aufstoßen, ohne mich vom Fleck bewegen zu müssen. Kaum schwang Noahs Wohnungstür auf, ballerte der wieder drauf los. Keine Kugel traf. Auch beim zweiten Mal nicht. Ich wusste, jetzt musste er nachladen. ich sprang durch den demolierten Türrahmen, schoss zwei, drei Mal blind in den Raum und suchte nach Deckung. Noah verschwand hinter der großen Couch, lud nach, während ich denn viereckigen Esstisch umwarf, ihn gegen die Wand schob und dahinter in Deckung ging. Eines muss man diesen Szeneleuten lassen, ihre Türen sind dünn, aber sie legen Wert auf massive Esstische. Wo mir die Wohnungstür vorhin keinerlei Sicherheit bot, hielt Noahs Esstisch einen Gutteil des nächsten Schusses ab, den dieser Irre auf mich abfeuerte. Ein weiterer Schuss zerstörte zwei Hängeschränke über mir und meinem Tisch. Teller, Tassen, Weingläser, allerlei Geschirr fielen in Stücken auf mich hinab. Ich schob den Tisch als Deckung vor mir her, langsam Richtung Noah und Festung, gut acht Meter quer durch den Raum von mir entfernt. Dick gepolsterte Couch, massiver Esstisch. Das zerbrochene Porzellan und das Glas auf dem Boden schnitten mir durch die Hose in die Haut, eingeklemmt zwischen meinen Knien und Schienbeinen und dem Fußboden. Ich rutschte, ich blutete und der Irre hatte schon wieder nachgeladen. Er schien kein Problem damit zu haben, seine gesamte Wohnung in Schutt und Asche zu legen, denn er ballerte weiter drauf los. An einigen Stellen splitterte der Esstisch auf, er durchlöcherte zunehmend meine Deckung. Hinter mir flogen zerschossene Bücher aus den Regalen, der Putz bröckelte ab, Staub wirbelte auf und verteilte sich in der Wohnung. Noah veranstaltete einen Heidenkrach am helllichten Tag in seiner verdammten Yuppie-Wohnung und mir blieb nichts anderes übrig, als in Deckung zu gehen. Ein Königreich für eine Handgranate, dachte ich. Ihn einfach mitsamt seiner scheiß Couch aus dem Fenster sprengen. Hin und wieder gab ich einen Schuss ab, während ich mich durch Schutt und Staub nach vorne kämpfte. Auf einmal hatte er Schwierigkeiten beim Nachladen. Ich traf Noah am Arm, er schrie auf, ein wenig Blut spritzte an die Wand. Zwei, drei Mal noch schoss ich auf seinen getroffenen Arm. Wieder schrie Noah auf. Magazin leer. Ich duckte mich hinter dem zerschossenen Esstisch und lud nach, ich war vielleicht fünf Meter von Noah entfernt. Plötzlich Krach, Glas zersplittert. Noah wollte mit einem Stuhl das Fenster eingeschlagen, hatte es beim zweiten oder dritten Versuch auch geschafft und war aus dem Fenster gesprungen. Erster Stock, immerhin. Mit einem Klick rastet das neue Magazin ein. Ich stürmte zum Fenster, sah wie Noah draußen schwer humpelnd davon lief, das rechte Bein zog er nach, den verletzten rechten Arm fest an sich gedrückt. Blut lag auf der Straße. Ich zielte. Ich zögerte. Offene Straße. Ich schoss nicht.

Ich sank am Fensterbrett zusammen. Was auch immer hier gerade passiert war, es hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich hinkte ins Bad, zum Medikamentenschrank. Drei Schmerztabletten. Nicht meine Marke, aber mit Schmerztabletten ist es wie mit Zigaretten. Man nimmt die, die man kriegt. Erst jetzt sah ich, dass auch mein linkes Bein stark blutete. Nicht nur vom zerbrochenen Glas am Boden, eine von Noahs Kugeln hatte mich gestreift und ich es nicht einmal bemerkt. Ich zog mein Hemd aus. Ziemlich rot für ein weißes Hemd. Behelfsmäßig, mit dem Verbandskasten des Irren, der gerade auf mich geschossen hatte, verband ich Oberkörper und Bein. Ich setzte mich und rauchte. Pause, Luft holen. Nur kurz die Augen zumachen. Nein. Nicht. Bloß nicht die Augen schließen. Es fiel mir schwer. Ich versuchte zu gehen. Ich schwankte. In Noahs Schlafzimmer, das ihm wohl auch als Arbeitszimmer diente, denn überall standen Kisten und Schachteln mit Akten und Fotos, setzte ich mich auf den Boden. Geradewegs fiel mein Blick auf einen Stapel Umschläge, die neben seiner Kommode und direkt vor mir standen. Ich griff nach dem obersten Umschlag, mit der Aufschrift »Neuzugänge«. Drinnen waren Fotos von jungen Frauen, Modelfotos, nicht ganz unprofessionell geschossen. Unter ihnen war auch das Foto einer gewissen Valentina. Jedenfalls stand ihr Name auf der Rückseite. Glücksfund, ein Griff nach dem richtigen Umschlag. Es musste Annas Valentina sein. Mir wurde schwarz vor Augen. Das dumpfe Geräusch, das mein Kopf beim Aufschlag auf dem Parkettboden machte, hörte ich schon nicht mehr.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

7 Reaktionen zu “Schrot (Windmühlen, Kapitel 7)”

  1. Johnny Trotz

    schmerztabletten. nicht meine marke. ja!

  2. herr vogel

    Sagt man bei Tabletten eigentlich »Marke«? Weiß ich gar nicht. Vielleicht »Hersteller«, »Fabrika(n)t«?
    Aber entschuldigen möchte ich mich für die wörtliche Übersetzung von »the shit hits the fan«. Es gibt einfach nichts vergleichbares an Redewendungen im Deutschen

  3. Herr Guru

    Ist schon in Ordnung, Herr vogel. Die Windmühlen zählen mit zum Besten was ich je von dir gelesen habe. Keep ›em coming!

  4. Chrischel

    schön!

    das Magazin RASTET ein. War das Absicht? wär ja ansich ein schönes stilmittel,aber nur einmal ist dann wohl doch etwas seltsam…

    Ich würde auf jeden Fall »Marke« sagen, gerade wegen der Analogie zu den Zigaretten. Dieser abgefuckte Charakter schmeisst doch eh die ganze Zeit…Druffi….

    Irgendwie humpelt aber doch meiner Meinung nach die Kampfbeschreibung, als wären da ein paar Sprünge drin. Ich komm jedenfalls nicht so gnz dahinter wer gerade wo ist. Aber vielleichct bin ich ja der einzige dem es so geht oder ich werde als kleinlich beschimpft!

  5. herr vogel

    Wie jetzt Magazin rastet ein? Heißt doch so, wenn man so ein neues Magazin hat. Erläuterung bitte!
    Ja mit dem humpeln ich weiß nicht. Hab das jetzt keine fünfmal gelesen, ist alles erste Fassung. Aber da ist sicher noch viel Arbeit zu machen, vor allem ein paar Lücken zu füllen, damit das mal mehr wird als ein bloßes Gerüst einer Storyline. Muss mal gucken, will im Moment lieber neues Zeug schreiben und mich mit dem alten erst wieder beschäftigen wenn zumindest mal Teil 1 so halbwegs steht

  6. Chrischel

    einsam reitet das präsens durch die wüste….
    ich denk mal du hast bloss das »e« bei »rastete ein« vergessen…

    ja!!mehr!!schnell!! will doch wissen was es mit noah auf sich hat und was der dramaturg aus dem stück noch alles rausholt…

  7. herr vogel

    Ok, natürlich wieder die Zeit.
    Ich brauch nen Lektor.