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Zellophan (Windmühlen, Kapitel 3)

11. März 2008 von herr vogel

Sie klopfte an mein Fenster, so wie sie alle an mein Fenster klopften, wenn sie etwas brauchten. Doch die fremde Schönheit, die nun vor meiner Tür stand, brauchte keine Drogen. Sie klopfte aus einem anderen Grund. Sie brauchte Hilfe und ich ließ sie in die Wohnung.
»Ich habe gehört, sie kennen Menschen«, sagte sie und musterte mein Arbeitszimmer.
»Möglich«, antwortete ich und drückte die im Aschenbecher heruntergebrannte Zigarette aus. Ich bot ihr einen Stuhl an, sie lehnte ab.
»Ich bin nicht wegen der Drogen hier«, sagte sie.
»Das dachte ich mir bereits«, antwortete ich und nahm einen Schluck Kaffee. Sie sah nicht aus wie die anderen.
»Ich habe gehört, sie lösen Probleme. Sie kennen Menschen und lösen Probleme. Ich brauche jemanden wie Sie.«

Bogart hätte dies als klare Ansage bezeichnet. Ihr Name war Anna. Sie erzählte mir von ihrer Geliebten, einer gewissen Valentina, die seit fünf Tagen verschwunden war. Ihr rotes Kleid schuf einen beeindruckten Kontrast zur Tristesse meines Arbeitszimmers. Sie bat mich um Hilfe, zur Polizei könne sie nicht gehen und ich sei ihr empfohlen worden.
»Wer hat mich empfohlen?«, fragte ich.
»Martin, der Whiskytrinker.«
»Ich muss Sie enttäuschen, Anna. Ich kann Ihnen nicht helfen.«
Marty, elender Whiskytrinker, ich verfluche den Tag, an dem ich Dich getroffen habe. Er schickte mir immer die jämmerlichsten Gestalten, diese hier allerdings in einer denkbar ansprechenden Verpackung. Und diese wundervollen schwarzen Haare. Martin glaubte, ich stünde noch in seiner Schuld, wegen der Drogen, denn er hatte mich zu Bogart geführt. Doch wollte ich mit diesem Detektivscheiß nichts zu tun haben, mein Geschäft war ein anderes.
Ich schickte Anna weg. Ihr rotes Kleid fehlte mir in dem Moment, als ich sie durch die Türe gehen sah. Es war besser so. Besser für mich jedenfalls. Meine Verfassung wurde schlechter und schlechter. Ich ging zum Medikamentenschrank. Ich ging zum Kühlschrank. Alkohol und Tabletten. Ich legte mich ins Bett.

Zwei Tage später wurde das ganze Kapitel düster. Vor meiner Tür entdeckte ich ein Paket. Ein mittelgroßes Paket, ohne Stempel oder Briefmarken, es musste persönlich vorbei gebracht worden sein. Ich schloss die Tür hinter mir, hing Mantel und Hut an den Kleiderständer und stellte das kompakte, schwere Paket auf meinen Schreibtisch. Ich zündete eine Zigarette an und legte die Füße auf den Tisch. Bogarts Lieferungen kamen in ähnlichen Paketen, doch war der nächste Liefertermin noch zwei Wochen entfernt. Außerdem ließ Bogart seine Pakete nie einfach vor der Tür stehen.
Dinge passieren. Manche ohne Grund. Andere nicht. Dass ich dieses Paket bekam, war gewiss kein Zufall. Was ich in dem kompakten Ding entdeckte, nachdem ich das Klebeband mit der Schere löste, ruinierte mir zweifellos die Woche. Bisher war es eine ruhige Woche gewesen, nur das Übliche. Menschen, die an mein Fenster klopften. Menschen, denen ich verkaufte, was sie wollten. Doch Menschen, deren abgetrennte Köpfe ich in einem Paket vor meiner Haustür fand, blutverschmiert und sorgsam in Zellophan gewickelt, ruinierten mir ohne Frage die ruhige Woche.

Ich übergab mich ins Klo.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

3 Reaktionen zu “Zellophan (Windmühlen, Kapitel 3)”

  1. Johnny Trotz

    also wenn das so weitergeht, dann müssen wir die blogfarben ändern. alles schwarz. Mit roten überschriften.

    die url blog-noir.de ist auch noch zu vergeben. wie schaut’s?

  2. herr vogel

    Ja so die Farben hm. Ich mag eher das Litblog-Prinzip nicht so, nicht so wie erwartet, das ist so aus dem Zusammenhang alles. Zwischen Umbrella, neuer Befindlichkeit und Vaseline und Bruce Springsteen. Muss ich mal drüber nachdenken

  3. miss f

    dieses prinzip fortsetzungsblog mag ich und die schlaue leserschaft liest auch nach, wenn sie was vergessen hat und freut sich sowieso über walkot-AA-Emo- Zerstreuung zwischendurch.

    Zellophan! ursprünglich positiv besetztes Material ( blumenbouquet, geschenke etc.) wird zur verhüllung eines »grausigen Fundes« nach Goldt zweckentfremdet. Wunderbar.