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Aristoteles Rache: Ein erster tragischer Umschwung in einer bisher so glücklichen Geschichte (Windmühlen, Kapitel 10)

4. April 2008 von herr vogel

Tragisch sollte es sein, das Theaterstück. Isolde und Marijan, seit kurzem auch mit einer schmissigen Musicalnummer versehen, war schon fast fertig gestellt, bereit zur Aufführung in nur wenigen Wochen, vielleicht drei oder vier, in denen Herr Vogel und Natalia intensiv daran gearbeitet hatten. Die Tragik im Stück war ihnen geglückt, so dachten sie, doch die Tragik der Realität, die in ihren Wendungen und Entwicklungen ja oft viel gnadenloser ist als die Fiktion, übertrumpfte das Theaterstück um ein Mehrfaches. Ja, die Realität perfektionierte sogar die bodenlose Tragödie um Isolde und Marijan. Denn, so war es leider, Regisseurin Natalia verschwand. Spurlos. Wie vom Erdboden verschluckt, einfach nicht zur Probe erschienen, fünf Tage vor der Premiere. Herr Vogel konnte es nicht glauben, das alles passte nicht zusammen. Gerade jetzt, wo alles fast fertig war. Er suchte nach ihr. Fuhr zu ihrer Wohnung, zu ihrer Lieblingskneipe. Er bat alle um Hilfe, rief bei Martin Mittsommer an, forschte nach bei Valentina und exotischen Tänzerinnen aus dem Brick-Playhouse. Niemand hatte von ihr gehört, keiner wusste etwas. Schließlich fand Herr Vogel in Natalias Unterlagen einen Stapel lose Zettel, dazwischen ihr Adressbuch. Auch sein Name stand darin, ganz unten. Auch fand er eine ausländische Nummer, die von Vitali. Ohne zu zögern, doch keineswegs ohne innerlichen Widerwillen, griff Herr Vogel zum Telefon. Eine tiefe Männerstimme meldete sich auf russisch, schwenkte aber sofort ins Deutsche um, nachdem Herr Vogel irgendwas auf Englisch daherredete. Er fragte Vitali, wo Natalia sei. Vitali sagte, das wisse er nicht, sie hätten schon länger keinen Kontakt mehr. Herr Vogel fragte, wo Natalia sein könne, vielleicht wisse er ja irgend einen Platz, wo sie sich in Stresssituationen zurückzog oder ähnliches, schließlich wären sie ja eine nicht unerhebliche Zeit ein Paar gewesen. Vitali sagte nur: »Anna«. Herr Vogel erinnerte sich, den Namen vorhin in Natalias Adressbuch gelesen zu haben. Er bedankte sich bei Vitali, wünschte viel Erfolg beim Balletthasenverführen und legte auf.

Herr Vogel beschloss, nicht bei Anna anzurufen. Wäre Natalia wirklich dort, würde diese Anna das ohnehin nicht preisgeben. Er ging davon aus, Natalia wollte nicht gefunden werden. Einfach zu verschwinden, war nicht ihre Art. Doch ein Unglück schloss er aus, wie er ein Unglück überhaupt immer ausschloss. Also wollte er hinfahren, zu dieser Anna, die Adresse stand ebenfalls im Buch. Nach dem Telefonat mit Vitali stand Herr Vogel vor der vollzählig erschienenen Theatertruppe, alle mit Instrumenten und Textzetteln bewaffnet, voll kostümiert, die illustre Truppe, ein wahres Trauerspiel. Sie starrten ihn an, fragende Blicke. Er informiete sie, dass die Kostümprobe verschoben werden müsse, auf später, die Regisseurin sei tatsächlich nirgends zu finden. Er versuchte, dies möglichst schonend zu erklären. Doch die Truppe wartete schon ein paar Stunden und war sowieso recht schreckhaft. Unmöglich also, sie nicht zu beunruhigen. »Nur keine Panik«“, versicherte Hauptdarsteller Hans zur Unterstützung, er werde Herrn Vogel begleiten. Auf der Suche. ›Sowieso egal’, dachte Herr Vogel, vier Augen sehen besser als zwei, so verwirrt war er, also nahm er Hans mit. Der besaß ohnehin das schönere Auto. Einen Jaguar, ein Oldtimer, gekauft vom ersten großen Scheck, der Auszahlung für seinen Film »Magnus Stahl: Mittendrin statt nur dabei«, mittlerweile ein Genre-Klassiker.

So fuhren es los, das dynamische Duo, und so standen es da, eine halbe Stunde später, vor der Wohnungstür dieser Anna: Herr Vogel, ein mitgenommen aussehender Hornbrillenträger mit Hut, und Hans, ein muskelbepackter Blondschopf mit Sonnenbrille. Sie klingelten und warteten. Eine schöne Haustür, tief rot, vor nicht allzu langer Zeit erst gestrichen. Ein paar Sekunden verstrichen und dann öffnete sich die Tür und diese Frau stand im Rahmen. Dieses göttliche Wesen »attraktiv« zu nennen wäre der blanke Hohn, eine Verspottung der Natur sozusagen, so atemberaubend war sie, schlicht und ergreifend. Vielleicht Mitte bis Ende zwanzig, Haare so schwarz wie die Nacht und sie trug rot. Ton in Ton mit der Haustür. Ein modisches, am Saum verspielt spitzes Top, das nicht allzu tief blicken ließ, weil so tief zu blicken war ohnehin nicht, doch bei den beiden Klingelnden, wie sie da des Atems beraubt vor der Tür standen, da rief das rote Oberteil die Neugier wach. So unterschiedlich Hans und Vogel auch in ihrem Aussehen und Wesen sein mochten, bei diesem Anblick waren sie sich einig. Für einen Moment wirkten die beiden, als hätten sie vergessen, weshalb sie eigentlich da waren. Der makellose Anblick von langen Beinen in Jeans und neugierweckender Oberbekleidung hätte allein einen Spracheverschlagenden Effekt auf sie gehabt. Dazu aber dieses bildschöne, blasse, von glatten schwarzen Haaren eingerahmte, Gesicht und die dunklen Augen, die überraschend tief blicken ließen. Tiefer als das Top in jedem Fall, stellten beide stillschweigend fest. Ja, diese Augen. Sie glaubten, direkt in Annas Seele zu schauen. Vieles war dort zu sehen. Jedoch, wieviel Wahrheit in diesem Seelenblick steckte, man weiß es nicht. In Gedanken jedenfalls hatten Herr Vogel als auch Herr Hans soeben ein kleines, gemütliches Vorstadthaus mit weißem Gartenzaun bezogen, grillten fröhlich Barbeque für die Fußballmannschaft, die sie mit diesem wunderschönes Wesen, das ihnen gerade die Tür zu ihrer Wohnung und Seele geöffnet hatte, gezeugt hatten. Und dann fragte Anna, tagtraumzerreißend: »Kann ich Ihnen helfen?«
»Ach, eh, Ja«, stotterte Herr Vogel, »mein Name ist Wolfgang Vogel, das hier links ist Hans, wir suchen Natalia, uns wurde gesagt, sie könnte vielleicht hier sein oder Sie könnten uns helfen, sie ausfindig zu machen. Wissen Sie, wir arbeiten mit ihr an diesem Theaterstück über Lesben und Apfelwein, vielleicht sagt ihnen das was, Isolde und Marijan heißt es, er hier ist übrigens Marijan, und Natalia ist sozusagen die Regisserin und sozusagen auch verschwunden und wir suchen sie und haben schon überall geguckt und deshalb sind wir jetzt hier, weil…« – »Wissen sie vielleicht, wo sie ist?«, unterbrach Hans den konfusen Herrn Vogel, sonst hätte der wohl ewig weiter geredet. Steckte fest in einer nervösen Laberschleife, ausgelöst durch das Erblicken von perfekter Schönheit. Seltenes Phänomen, aber gnadenlos, wenn einmal da. Herr Vogel war entsprechend dankbar für Hans‹ Intervention.
»Tut mir leid«, sagte Anna daraufhin und schenkte ihren Gästen einen zartes Lächeln zwischen Freundlichkeit und Verlegenheit, gerade so attraktiv und gerade so verletzlich, dass Herr Vogel fast wieder angefangen hätte, wirres Zeug drauflos zu labern. Hans packte ihn am Arm, Anna fuhr leicht irritiert fort: »Sie ist schon wieder weg.«
»Also war sie hier?«, sagte Hans, blieb sachlich, Herrn Vogels Arm fest im Griff.
»Ja, sie stand plötzlich vor der Tür heute morgen, holte ihren gesamten Krempel ab und verschwand wieder. Wollte nichtmal einen Kaffee. Ich hab mir ja schon ein wenig Sorgen gemacht«, erklärte sie und lächelte.
Herr Vogel holte Luft, um etwas zu sagen, wurde jedoch von Hans‹ fester gezogenem Griff am Arm im Keim erstickt. »Haben Sie eine Ahnung, wo sie sein könnte?«, fragte Hans, der es für besser hielt, wenn er das Gespräch führte, nicht Herr Vogels Laberschleife.
»Na ja«, sagte Anna, »es ist zwar reichlich unwahrscheinlich…«
»Aber?«, fragte Hans.
»Die Sache mit Vitali hat ihr ganz schön zugesetzt. Sie hat einen regelrechten Hass auf ihn entwickelt. Vielleicht ist sie auf dem Weg zu ihm.«
»Russland??«, prustete Herr Vogel los, dicht gefogt von einem unterdrückten, von nicht unwesentlichem Schmerz zeugenden Aufschrei, der aus Hans mittlerweile fast brutalem Armgriff reusltierte. »Jetzt lass doch mal«, forderte Herr Vogel den blonden Muskelmann auf, ihn doch endlich loszulassen. Von der Ernsthaftigkeit in Herr Vogels Stimme überrascht, ließ Hans von dessen Arm ab.
»Ja, aber vielleicht kommen sie erstmal herein, auf eine Tasse Kaffee«, bat Anna. Wer auf der Welt hätte dieses Angebot abschlagen können. Eine Tasse Kaffee, serviert von Gottes schönstem Geschöpf höchstpersönlich. Die Herren Hans und Vogel schwankten glücklich durch die Wohnungstür, bereit für den wohl besten Kaffee ihres Lebens.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

Eine Reaktion zu “Aristoteles Rache: Ein erster tragischer Umschwung in einer bisher so glücklichen Geschichte (Windmühlen, Kapitel 10)”

  1. Chrischel

    maaaaaaan wo bleibt die scheiss fortsetzung!? ich will endlich dass der erzähler und herr vogel aufeinandertreffen und sich wahrscheinlich noch sowas von sympathisch sind durch ihren (auf den ersten blick) totalen gegensatz…oder sind sie erst mal verwirrt?

    Klär!
    mich!
    auf!

    los!

    In den nächsten Kapiteln!
    Zack!

    Oben ist natürlich fein.