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Arsch (Windmühlen, Kapitel 11)

9. April 2008 von herr vogel

Natürlich dachte ich, sie hätte mich verraten. Natalia und die Notiz in der Manteltasche. Die Notiz und die Schießerei. Natalia und die Schießerei. Hatte sie diesem Irren gesteckt, dass ich bei ihm auftauchen würde? Er wusste, dass ich zu ihm kam. Von wem hätte er es sonst wissen sollen, wenn nicht von der Person, die mich zu ihm geschickt hatte? Nachdem Natalia mir sagte, dass sie es war, die den Zettel mit dem Hinweis und der Adresse in meine Tasche geschoben hätte, hielt ich ihr die Beretta vor die Stirn.

Natalia hatte mich kurz zuvor aus dem Krankenhaus abgeholt, was in unserem Fall hieß: Sie lenkte die Krankenschwester ab, während ich rausschlich. Die Ärzte hätten mich in meiner Verfassung nicht entlassen. Doch irgendwer wollte mich tot sehen, soviel war mir seit Noahs Schrotflinte klar, das Krankenhaus war gewiss kein sicherer Ort. Zwar war meine Wohnung dies auch nicht, doch musste ich noch ein paar Sachen holen; das Risiko, Okay. Natalia wollte mich begleiten und sei es nur, um mich zu stützen. Hätte sie mir nicht noch in der Wohnung erklärt, dass es ihr Zettel war, der mich zu Noah gelotst hatte, wären wir schon lange nicht mehr dort gewesen. Doch anstatt zuzusehen, dass wir so schnell wie möglich unsichtbar werden, hielt ich der dürren Russin eine Knarre vor die Stirn. »Wieso hast du mich dahin geschickt?«, fragte ich.
»Ich habe dein Gespräch mit Bogart belauscht. Ich wollte Dir helfen, aber es durfte niemand mitkriegen. Nichtmal Bogart traue ich über den Weg, wenn’s drauf ankommt. Und der ist immerhin mein Sicherheitschef.«
Natalia sprach von ihrer schäbigen Bar gerne wie von einem professionellen, seriösen Unternehmen. Einer Bank oder Versicherungsgesellschaft oder sowas, nicht wie von einer dunklen Kaschemme, wie das Brick eine war. Und Bogart war nunmal ihr »Sicherheitschef«; Geldeintreiber und persönlicher Lobbyist hätte auch gepasst. Aber Bogart hatte Kontakte, mehr als ein Mal hatte er mir helfen können. Doch dieses Mal verweigerte er mir die Auskunft. Dass er dennoch etwas wusste, hatte er durchblicken lassen. Auch wenn er einem nichts verriet, so legte er doch immer wert darauf, dass man glaubte er wisse über alles bestens Bescheid.
»Was hat Bogart mit der ganzen Geschichte zu tun?« fragte ich Natalia, die Waffe noch immer vor ihre Stirn gehalten. Irgendwas war faul, es stank. Noah, Bogart, Natalia. Schießerei. Anna tot, Valentina verschwunden. Ich angeschossen. Irgendwas war faul, es stank.
»Noah ist einer von Bogarts Kunden. Keine Ahnung, wie viel Bogart weiß – wahrscheinlich alles«, sagte Natalia, durch die Pistole nicht so eingeschüchtert, wie ich es mir vorgestellt hatte.
»Ich glaube es ist Zeit, dass du mir ein paar Fragen beantwortest.«

Doch dazu sollte es nicht kommen. Jedenfalls nicht jetzt. Sie schossen aus einem kleinen Lieferwagen heraus. So ein schwarzer Bus mit getönten Scheiben und einer Schiebetür. In der Tür standen zwei Maskierte mit Maschinenpistolen, ein Dritter schoss aus dem Beifahrerfenster. Nie wieder im Erdgeschoss wohnen, dachte ich mir noch, während ich mich und meinen Blick vom Fenster abwandte, Natalia zu mir rüberzog, wir unsanft zu Boden fielen und gemeinsam kriechend das Weite suchten. Über uns pfiffen die Schüsse, die Maskierten zerlegten meine Bude zu Kleinholz. Holzsplitter, Buchfetzen, Putz und Schutt. Man kann durchaus von einem Deja-Vu sprechen. Nur dass Noahs Wohnung im Vergleich zu meiner glimpflich davonkam. Alles flog umher. Hätte ich Lampenschirme besessen, sie hätten nicht mehr gehangen. Natalia wurde getroffen, kurz bevor wir hinter die dicke Küchenwand kriechen konnten. Vom Ofen musste ein Schuss abgeprallt sein, traf sie direkt ins schicke Hinterteil. Sie schrie auf, doch ihr Schrei war kaum zu hören zwischen dem Lärm, den die Maschinenpistolen der Maskierten veranstalteten. Ein Sturm, der über einem einbricht und keinen Stein auf dem anderen lässt. Unfähig zu jeder Bewegung kauerten wir hinter der Küchenwand. Relativ sicher, trotz weiterer Querschläger. Wieder Kauern, wieder Wand. Wieder warten. Darauf, dass der Sturm vorrüberzieht.

Dann zogen sie ab.
Sie stürmten nicht die Wohnung, hatten wohl für genug Aufsehen gesorgt.

»Mein Arsch! Verdammte Scheiße!«, schrie Natalia.
»Kacke«, stammelte ich nur, mehr fiel mir nicht ein.
»Fick Dich! Verdammte Scheiße!«, noch nie hatte ich Natalia so außer Fassung gesehen, ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerz. Sie blieb komplett gelassen als ich ihr die Waffe vor die Nase hielt, doch das hier war eindeutig zuviel für ihr knochiges Gemüt.
»Scheint wenig passiert zu sein«, begutachtete ich ihr Hinterteil. Nach einiger Zeit, die Maskierten schienen verschwunden, merkte ich an: »Trotzdem, die Kugel muss raus.«
»Na dann los«, antwortete Natalia, noch immer von Schmerzen geplagt. Ein schönes Gesicht kann nichts entstellen, verzerren jedoch schon.
»Ich mach das doch nicht, ich kenn mich da nicht aus. Aber ich weiß da wen«, sagte ich. So langsam hatte ich genug von der Scheiße. Ich dreimal angeschossen, meine Wohnung im Eimer und natürlich keine Geschäfte am laufen. Im Gepäck ein Bündel Fragezeichen und eine Russin mit Kugel im Arsch. Keine Frage, ich musste zu Hans.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

4 Reaktionen zu “Arsch (Windmühlen, Kapitel 11)”

  1. herr vogel

    Mal als Anmerkung: Ich bin mit dem Kapitel komplett unzufrieden, ist auch nur raus damit’s endlich weitergehn kann. Muss alles mal überarbeitet werden und dann mal sehen wie’s weitergeht. Dazu aber mehr wenn die 14 Kapitel komplett online sind.

  2. Johnny Trotz

    ich weiss echt nicht, was du hast!

    das ende ist fantastisch, und die wohnung hab ich mir auch gut vorstellen können. vermutlich aus gutem grund.

    ich denke ein problem ist, dass im ersten absatz eigentlich zu viele informationen sind.

    but then again: ich find effi briest scheiße, von literatur hab ich also keine ahnung.

  3. herr vogel

    Der erste Absatz sollte eine Art Zusammenfassung sein, so in der Art, weil wegen dem Hin und Her Springen. Aber gut, dann funktionierts besser als ich dachte! Und dir glaub ich ja sowieso alles!
    Aber überhaupt, du sollst Effi lesen, weil sonst gehnwa Bier trinken.

  4. miss f

    sooo…es gibt mich noch! hab ich doch endlich zeit gefunden, alles zu lesen. apfelwein war das letzte, was ich kannte und kann nur sagen, dass ich dieses hin und herschalten zw. erzähler und herrn vogel besonders mag. das kommt toll rüber, wenn man die kapitel in einem durch liest… das schwarz und rot-ding macht das ganze richtig greifbar und trennt die episoden wunderbar.
    bin schon gespannt, wenn die beiden welten aufeinander prallen.
    große erwartungen gilt es zu erfüllen! Würde die russin vielleicht auf teilweise auf russisch fluchen lassen…