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Das musikalische Sahnestück: Ahoi Käpt’n, das Schiff sinkt! (Windmühlen, Kapitel 8)

1. April 2008 von herr vogel

Was für eine Arbeit das gewesen war. Aber damit hatte Herr Vogel gerechnet, schon nachdem er das grippeschwache Ensemble bei der Arbeit gesehen hatte, niesend und hustend und angesteckt hatten sie ihn auch noch. Zwei Monate waren vergangen, seitdem er sich bei Natalia vorgestellt hatte. Martin Mittsommer hatte ihm den Dramaturgenjob am Fialka-Theater vermittelt, um sich für Herrn Vogels ungewöhnliches Engagement in der »Uschi«-Geschichte erkenntlich zu zeigen. Beinahe Tag und Nacht hatte Herr Vogel an dem Stück gearbeitet, es immer wieder umgeschrieben und versucht, wie von Natalia gewünscht, »alles rauszuholen«. Natalia war zufrieden, Herr Vogel kam mit immer neuen Ideen und Ausarbeitungen, und sie übernahm das meiste. Die beiden waren sich einig, das Stück so gut zu machen, wie es in dieser Situation noch sein konnte, sozusagen die ultimative Zeitdruck-Version von Isolde und Marijan auf die Bühne zu bringen. Herr Vogel hatte sogar eigens eine Musicalnummer geschrieben, und das obwohl er, ohne sich irgendwelche Illusionen zu machen, überhaupt keine Ahnung davon hatte. Natalia hatte von ihm einen größeren Bezug zur aktuellen Popkultur gefordert. Mit Popkultur kenne er sich aus, meinte Herr Vogel darauf, und suchte einen Song, der sich für ihre Zwecke eignete. Diesen fand er an der Spitze der aktuellen Landescharts. Ein kontroverses Stück, diskussionswürdig und zugleich eingängig. Herr Vogel dichtete drauf los, schrieb zwei neue Strophen, die anschließend den Refrain des Charthits aufgriffen und in einer besonderen Choreografie auch tänzerisch dargeboten wurden.

Da sie sich keine eigenständige Band, geschweige denn ein Orchester leisten konnten, suchten Natalia und Herr Vogel halbwegs talentierte Musiker im eigenen Schauspiel-Ensemble und würfelten alle Instrumente zusammen, die die Dachdecker und Studenten zu bieten hatten. Tatsächlich fanden sich sogar drei ehemalige Konservatoriumsstudentinnen, die mit Geige, Chello und Kontrabass den klassischen Teil des Musikerparts bilden konnten. Ergänzt wurde das Klassik-Trio von vier Dachdeckern an Triangel, Trompete und Klarinette (gleich zwei sogar), sowie von einem männlichen Jurastudenten, der in einem früheren Leben als Zeltlagergitarrist aktiv war und im geplanten Musicalteil von Isolde und Marijan seinem einstigen Bühnennamen »Country Leo« zu neuem Glanz verhelfen wollte. Tänzer und Tänzerinnen hatten Natalia und Herr Vogel natürlich auch keine, doch – und das war ihr Glück – hatten sie ja einen gemeinsamen Bekannten: Martin Mittsommer. Der vermittelte den beiden kurzerhand zwanzig professionelle Stripperinnen aus seinem gerade eröffneten Club The Brick-Playhouse. Alle waren sehr aufgeregt deshalb. Angeführt wurden die zwanzig Tänzerinnen von Valentina Vulva, Herrn Vogels Mitbewohnerin und Star unzähliger Martin-Mittsommer-Pornos, die es sich nicht nehmen ließ, ihrer Tanzausbildung ein Revival zu genehmigen.

Die Szene, die Natalia und Herr Vogel für ihre große Musicalnummer ausgewählt hatten, war natürlich die große Offenbarungsszene zwischen den Protagonisten Isolde und Marijan; Die tragische Badewannengeschichte, die Entdeckung von Isoldes lesbischer Liebschaft, die der einfältige Marijan nicht erkannte und der nackten Isolde daraufhin seine Liebe gestand. Nun fängt er obendrein an zu singen, während er sich auszieht und Isolde dabei zusieht, wie sie sich zunehmend wieder ankleidet, bevor sie in der zweiten Strophe selbst in den Song einsteigt. Herr Vogel wollte in diesem Lied das gesamte Theaterstück auf den Punkt bringen, die Essenz erfassen, bevor das Publikum im Refrain in den Sog des (die Verkaufszahlen belegten es) so beliebten Popsongs gezogen werden sollte:

Marijan:
»Du Isolde, ich muss Dir beichten / Mit deinem so wohlgeformtem Leib / da bist du ein gar holdes Weib / Ich kann nicht mehr von dir lassen / in Gedanken mich nur selber hassen / Wen ich will, den kann ich haben, all die andern / Doch mein Herz gehört nur dir, das will nicht mehr ewig wandern / bin angekommen, in deinem Herzen / Erhöre mich, sonst tut’s sehr schmerzen«

Isolde:
»Marijan, mein Marijan / Ich weiß, du bist ein starker Mann / Muskeln und mit allem drum und dran / Ganz vorzüglich glaubst du zu sein / Doch ich will hier nicht mehr sein / Lass mich dir sagen, du dummer Hengst / Ich bin nicht die Holde, die du denkst«

Marijan, jetzt in Begleitung des Orchesters, das die aus den Charts bekannte Popmelodie spielt:
»Ich halte die Welt an / Die Zeit steht still / Du bist das einzige was ich will / Ich fühl dein Haar, deine Hand, dein Gesicht / Es ist eine Seele die zu mir spricht /
Du bist der Song der mich durchdringt / Der mein Herz zum Rasen bringt / Hast mein Leben auf den Kopf gestellt / Du hast den schönsten Arsch der Welt«

In diesem Moment stürmen die Tänzerinnen die Bühne, das Orchester entfaltet sich vollends, die Studentinnen, die Dachdecker, die Geige und die Klarinette und natürlich Country Leo setzen an zum großen Finale. Alle weiteren Schauspieler, die gerade nichts zu tun haben, alle stürmen sie in Kostümen auf die Bühne, gesellen sich zu Annegret, mit der sie gemeinsam die zweite Stimme zu Marijans Klagelied anstimmen:

»Arsch der Welt / Arsch der Welt / Arsch der Welt / Arsch der Welt«

Marijan wieder, ihm dämmert Isoldes Ablehnung, versucht sie noch zu überzeugen, singt sich in einen furiosen Rausch, will sie für sich zu gewinnen mit:
»Du hast den schönsten Arsch der Welt / Du hast den schönsten Arsch der Welt / Du brauchst den größten Held der Welt / So’n Arsch kannst nicht kaufen für teuer Geld«

Und wieder Annegret und die Backgroundsänger:
»Arsch der Welt / teuer Geld / Arsch der Welt / teuer Geld«

Ein famoses Finale der Nummer, die Stripperinnen tanzen zum Abschluss einen Saloon-Westerntanz und lassen die Beine fliegen, die Dachdecker geben alles und plötzlich, ja, ganz unerwartet, schaltet die Regie das Licht aus. Die komplette Lichtanlage aus, bis auf einen Spot, direkt auf Marijan gerichtet. Marijan, ganz aufgelöst, blickt ins Publikum und intoniert zum Abschluss des Liedes und somit des zweiten Aktes, denn gleich wird der Vorhang fallen, noch ein letztes, verzweifeltes, tieftrauriges »Arsch der Weeeelt«. Paukenschlag und aus.

Herr Vogel, schon nach der ersten Probe, schier begeistert stand er auf, applaudierte lautstark und ließ sich gar zu einem »Wohoooo« mit geballter Faust hinreißen. Er war sich sicher, das Stück war auf einem guten Weg.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

4 Reaktionen zu “Das musikalische Sahnestück: Ahoi Käpt’n, das Schiff sinkt! (Windmühlen, Kapitel 8)”

  1. Chrischel

    famos,mehr sag ich gar nict mehr

  2. herr vogel

    Da Frage zu den Zeiten (wiedermal): Funktioniert das so, mit Präteritum allgemein und dem Wechsel zum Präsens in der Beschreibung der Musicalnummer?
    Ist ähnlich wie in Kapitel 6, nur irgendwie scheint mir das hier schief.

    Und zu »Paukenschlag und aus«: Leider besitzt das Orchester ja garkeine Pauke. Muss wohl noch ein Dachdecker her

  3. Johnny Trotz

    das orchester hat keine pauke? das ist aber komisch. weil orchestren haben doch pauken. hmmm.

    du brauchst nen lektoren, hihi!

    und bis auf ein paar kleine ungereimtheiten ist das alles wundervoll bescheuert und tiefgreifend unterhaltsam. mit lesben.

  4. herr vogel

    Wenn das Orchester ja aber nur aus den Instrumenten besteht, die ich da oben genannt habe, als es so zusammen gewürfelt wurde, dann haben sie keine Pauke.
    Die Logikfreunde Wien müssten da doch sofort auf die Barrikaden gehen! Ich dachte, ich greif dem mal vor