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Hans (Windmühlen, Kapitel 13)

11. April 2008 von herr vogel

Ich stand so rum, guckte den beiden zu. »Keine Frage«, sagte Hans, »Natalia, du hast den schönsten Arsch der Welt.«
Mit den Jeans bis auf die Knie heruntergelassen lehnte Natalia über den Stuhl. Rote Unterwäsche, kontuiert. Hans war ein alter Freund, hatte auch mir einmal eine Kugel herausoperiert; aus dem Oberarm. Bis zur Episode in Noahs Wohnung war das meine einzige Schussverletzung gewesen. Wie damals war Hans auch bei Natalias Verletzung eine zuverlässige Anlaufstelle. Er hatte mit dem ganzen Scheiß nichts zu tun. Er kannte niemanden, niemand kannte ihn. Sein Haus schien mir sicher, dennoch war ich vorsichtig. Hans kam nicht von hier. Er kam aus meinem Heimatort. Wir beide waren unabhängig voneinander in die Stadt gezogen und sind uns erst hier wieder über den Weg gelaufen. Wir gingen auf dieselbe Schule in unserem Heimatort, er brach irgendwann ab, wie auch die ein oder andere Lehre danach. Er fing an, Online-Poker zu spielen und kaufte sich irgendwann ein Haus in der Stadt. Normale Menschen kaufen sich ein Haus auf dem Land, ziehen raus aus der Stadt. Hans ging den umgekehrten Weg. Alles dank der Kohle vom Online-Pokern. Jetzt wohnt er auf dreihundert Quadratmetern und fischt einer Russin eine Kugel aus dem Fleisch.

»Wirklich, Kleines«, sagte Hans, »Der schönste Arsch der Welt und ein sauberer Einschuss, da sollte nichts weiter passiert sein. Aber dein Arsch ist ab sofort einzigartig. So richtig markant, ohne Witz. So mag ich einen Arsch. Markant. Mit Signatur sozusagen. Tut jetzt natürlich erstmal weh wie Schwein.«
Ich wusste weder, was Hans da für einen Schwachsinn labert, noch, während ich so über ihn nachdachte, woher er überhaupt wusste, wie man Menschen von lästigen Kugeln befreit. Die Welt um mich herum wurde zunehmend dumpf. Die Schmerzmittel, die ich aus meiner zerstörten Wohnung retten konnte, ließen langsam nach. Ich warf ein paar Tabletten hinterher. Sollte bald wieder gehen. Das Dumpfe blieb. Natalia ließ Hans‹ Ausführungen über ihren Arsch unkommentiert, war nur froh, endlich die Schmerzen bekämpfen zu können. Selbst wenn sie dafür mit heruntergelassener Hose über einen Stuhl lehnen und sich Komplimente über ihren Arsch anhören musste. Hans war fertig. Schmerzmittel jetzt auch für Natalia. Sie zog die Jeans wieder hoch, knöpfte sie zu, hielt ihre rote Unterwäsche wieder verborgen.
»Selten genug«, fuhr Hans fort, »dass ein Arsch ohne Jeans drumherum noch genauso wundervoll aussieht wie eingepackt. Deiner ist dazu noch ein Einzelstück, so mit der Narbe von dem Schuss, die du ja bald hast. Natalia, ich bin begeistert!«
Natalia warf mir einen vielsagenden Blick zu, irgendwas zwischen Skepsis, Genervtheit, und Alles deine Schuld. Ich fühlte mich genötigt, sie über Hans‹ Schwäche für Körperschmuck aufzuklären, schließlich hatte ich sie hierher gebracht. Schon ihre tätowierten Arme hatten ihn begeistert. Er selbst war stolzer Träger von einem halben Dutzend Tätowierungen, ebensovielen Piercings und einem Branding. Letzteres war eine Scheißidee, erklärte er mir kurz nachdem er es hatte machen lassen, es sei aber durchaus eine Erfahrung wert. Er mochte das Schöne, das Markante, nicht das Überladene, denn im Überfluss verlor für ihn gleich das Gesamtwerk seinen Reiz. Ich dankte Hans für seine chirurgische Arbeit, drückte ihm ein Bündel Geldscheine in die Hand und bat ihn, Natalia und mich kurz allein zu lassen. Geschäftliches.

»Und jetzt«, wandt ich mich an Natalia, nachdem Hans den Raum verlassen hatte, »ein paar Antworten bitteschön.«
Wohl nicht ganz unbeeindruckt von der Szene in meiner Wohnung, der Perspektive unmittelbar aus der Schusslinie, die wohl auch für sie eine neue war, erzählte sie mir fast bereitwillig alles, was sie wusste. Die Zeiten hätten sich geändert, meinte sie, zu ihrer Zeit war das alles weniger gefährlich. Sie erzählte mir ihre Story, wie sie ins Land kam, bei dieser Modelagentur anheuerte, die vielmehr ein verdecktes Drogenkartell war, und wie sie sich nach zwei Jahren teuer da rauskaufen musste. Das Brick habe damit nichts zu tun, sie habe sich da was eigenes aufgebaut. Weitgehend ohne krumme Geschäfte, wie sie betont. Das »weitgehend« zielte natürlich auf Bogart. Bogart, als eine Art Lobbyist der Unterwelt, kannte Noah wohl schon länger, hatte ihm den Job beim Modeldrogenkartell besorgt, erzählte mir Natalia. Damals, zu ihrer Zeit, war Noah gerade eingestiegen und sollte sich nur um eine handvoll Models kümmern. Unter anderem um sie. Was diesen kleinen Fisch so auf die Palme brachte, das wusste sie auch nicht. Was sie aber wusste, Noah schuldete Bogart noch so einiges. Es gab da wohl auch einen Streit. Im B hatte sie was am Rande aufgeschnappt.
»Und was ist mit Anna und Valentina?«, fragte ich Natalia weiter. Modelkolleginnen, natürlich. Irgendwas sei da aus der Spur gelaufen, wiegesagt, die Zeiten ändern sich. »Köpfe rollen«, beschloss Natalia ihre Erklärungen. »Und sie landen vor meiner Haustür«, gab ich als Antwort.

Ich verfasste meine To-Do Liste: Bogart finden, Noah finden, Ärsche treten. Sonst hatte ich ohnehin nichts zu tun.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

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