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On the Road: Ein Aufbruch ins Ungewisse als Abschluss des ersten Aktes einer wüsten Geschichte (Windmühlen, Kapitel 14)

12. April 2008 von herr vogel

Das Pittoreske! Diese Landschaften! Man muss es so sagen, alle drei waren sie begeistert. Die Sonne scheinte, Hans hatte das Verdeck seines Oldtimers aufgeklappt, der Fahrtwind wehte ihnen durch die Haare und die Welt da draußen duftete nach Sommer. War es nicht vorhin noch Winter gewesen? Keiner der drei hätte es sagen können. Bevor sie losfuhren, als Anna zu Herrn Vogel und Hans ins Auto stieg, mit ihrem Sonnschirm, den sie wenig später gegen die große Sonnenbrille tauschte, da jedenfalls war auch schon Sommer. Hans machte eine Bemerkung über die Weite des Landes und dass man diese Schönheit ja so oft vergesse, wenn man in der dunklen Stadt wohne. Immer diese Häuser mit mindestens fünf Stockwerken, die kaum die Sonne durchlassen, sondern nur die Hitze in den dichtbebauten Straßenschluchten stauen. Sommer in der Stadt, da war ihm das hier lieber, kein Auto weit und breit, Landstraße im wahrsten Sinne. Ländlich und einsam, fuhr er schwärmend fort, das sei doch das wahre Leben. Er wolle sich ein Haus kaufen, hier auf dem Land, raus aus der Stadt. Hans schien entschlossen. Herr Vogel und Anna pflichteten ihm bei, es sei ja durchaus verlockend.
Kurz darauf trat Hans auf die Bremse, der Wagen rutschte auf dem Schotter am Straßenrand, kam in einer kleinen, von Hans´ Manöver aufgewirbelten Staubwolke zum stehen. »Es ist Zeit«, sagte Hans und bat Anna und Herrn Vogel, ihm zum Heck des Wagens zu folgen. Hans hob den Kofferraumdeckel an, als wäre dies ein erhabener majestätischer Akt. Ein Blick von vollkommener Schönheit bot sich den dreien, nahe der Schönheit von Anna: Der Kofferraum war voller Bier.

Das Verdeck blieb aufgeklappt. Sie fuhren weiter und tranken Bier, der Fahrtwind blies stark, ihre Frisuren waren schon lange keine mehr. An diesem Ort, im Oldtimer auf dem Weg quer durch die wunderschöne Einöde, dem Nirgendwo nicht unweit vom Irgendwo, hier geschehen Dinge. Dinge, die an anderen Orten als ungewöhnlich gelten würden. Und so, auf einer langen Geraden, erhob sich Herr Vogel plötzlich von seinem Sitz, stand aufrecht im Wagen und streckte beide Arme weit von sich. Er ballte die linke Hand zur Faust, hielt das Bier in der rechten wie einen Pokal in die Höhe und schrie. Er schrie so laut er konnte, er schrie es hinaus in die Welt, er schrie es in den Wind, gegen alle Widerstände, so als wäre es ein Motto, an das er sich von nun an halten wollte und aus dem er Kraft schöpfen konnte. Immer und immer wieder schrie er es auf die Straße:

»Ich bin ein Felsen, ich bin eine Insel!«

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

Eine Reaktion zu “On the Road: Ein Aufbruch ins Ungewisse als Abschluss des ersten Aktes einer wüsten Geschichte (Windmühlen, Kapitel 14)”

  1. LeisureLorence

    Eine sehr feine Fortführung des »Du hast den schönsten Arsch der Welt«-Themas aus dem einen vorherigen Kapitel. Nice.