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Wellen (Windmühlen, Kapitel 9)

3. April 2008 von herr vogel

Blut lag auf der Straße. Wenig später würde es fließen. In Strömen, die Straßen hinunter, es würde über die Grenzen der Bordsteine hinaus drängen und die Hauswände im Ansatz färben. Langsam würde es die weißen Wände heraufkriechen, rote Türen, rote Fenster. Eine blutrote Flutwelle wird folgen und alles begraben, ersäufen. Man konnte es spüren. In jeder Hand eine Waffe würde ich am Bug des Schiffes thronen, das auf diesem Strom aus Blut die Straßen hinunter glitt. In der Ferne würde man Explosionen erkennen, es brannte, der Himmel war schwarz; halb vom aufsteigenden Ruß, halb vor Zorn. Schwarze Wolken, rote Häuser, totes Leben, es würde über die Reling spritzen, zerrissene Segel, mein Schiff unter schwarzer Flagge. Mein Ziel fest vor Augen: die Brände. Entschlossenheit, Notwendigkeit, kein Bedauern, kein Zurück. So vieles an diesem Ort ist leicht entflammbar, und alles brannte lichterloh. Ich würde die Feuer löschen, beide Waffen im Anschlag, die Flammen ertränken. In einem Strom aus Blut.

Klarer Fall, ich halluzinierte. Noahs Schmerztabletten waren keine. Welche Tabletten das genau waren, keine Ahnung, aber der Trip war kein schlechter. Blutig und kurz, so wie es mein bisheriger Tag gewesen war. Mein Kopf schmerzte höllisch. Alles andere auch. Die Straßenlaternen waren mittlerweile angesprungen. Und als ich sie so ansah, benommen, schräg von unten, wie sie vor mir stand in ihrem roten Kleid, da merkte ich: Natalia ist einer dieser Menschen, bei denen ein Raum ein ganzes Stück dunkler wird, sobald sie ihn betreten. Im Brick war mir das nie aufgefallen, denn da war es immer dunkel. »Was ist hier passiert?«, fragte Natalia weiter. Langsam kam ich zu Bewusstsein. Ich wollte etwas sagen, nuschelte aber nur vor mich hin, mit dem Kiefer auf Noahs Parkettboden liegend. Ich lag noch immer da, wollte mich nicht rühren, alles tat weh. Und Natalia verdunkelte den Raum mit ihrer bloßen Anwesenheit. Sie nahm meinen Kopf in beide Hände, so als könne sie ihn jeden Moment umdrehen, mir das Genick brechen, den Job zu Ende bringen, den Noah vergeigt hat. Doch legte sie mir den kalten Waschlappen auf die Stirn und half mir, mich aufzurichten. Nun saß ich da, mit dem Rücken an Noahs Bett gelehnt, reichlich mitgenommen von einer unerwarteten und unerwartet blutigen Schießerei und irgendwelchen Pillen, die sicher keine gewöhnlichen Schmerztabletten waren. »Was ist hier passiert?«, wiederholte Natalia, »Wo ist Noah? Hat er dich etwa so zugerichtet?«
Halb benommen packte mich der männliche Stolz: »Du solltest ihn mal sehen!«, stieß ich nuschelnd aus, »der Kerl sieht auch nicht allzu gut aus, das kann ich Dir sagen!« – »Du gehörst in ein Krankenhaus«, antwortete Natalia nur.
»Nein, kein Krankenhaus«, wollte ich sie abwehren und fiel wieder um.

Ich wurde wach, natürlich in einem Krankenhaus, sah zwei großflächige Verbände um meinen Oberkörper gewickelt, einen weiteren am Bein. Die Schnitt- und Schürfwunden an meinen Knien und Unterschenkeln hatten sie gesäubert und genäht. Keine Verbände dafür, als hätten auch die Ärzte gefunden, es seien ohnehin schon genug. Ich griff mir in den Schritt. Alles noch da. Wieder schlief ich ein. Blutrote Gewässer, darauf ein Schiff, ich steuere es, zwei Pistolen im Halfter um die Brust. Keine Verbände. Schwarzer Himmel, so schwarz wie es nur Annas Haare waren. Die Wolken erkannte man nur an den dunkelgrauen Konturen, die sie vom Himmel abhoben. Schattierungen von schwarz. Meterhoch stand das Blut in den Straßen der leergefegten Stadt. Die Wellen waren so hoch geschlagen, dass sie über die Reling schwappten und den geteerten Boden bedeckten. Beim Bau meiner Arche hatte ich die Wasserauslässe am Boden vergessen, sie einfach nicht bedacht. Ein Fehler. Aber wer hatte denn ahnen können, dass die Wellen so hoch schlagen. Ich watete durch das Blut an Deck, schwere Schritte, durchnässte Kleidung. Dennoch, meiner Arche würde dies nichts anhaben können. Sie war stark gebaut und brachte mich auf Kurs, knöcheltief im Blut.

Windmühlen: Vorwort und Kapitelübersicht

2 Reaktionen zu “Wellen (Windmühlen, Kapitel 9)”

  1. Johnny Trotz

    hallo? bildwucht? minimalhandlung? aus des vogels feder? bin ich begeistert?
    fuck yeah.
    nur: im ersten absatz springst du vom konjunktiv zum futur 1 zum imperfekt.

    ich schlage ja ein lektorencasting vor!

  2. herr vogel

    Ach ich find das passt im 1. Absatz :_D