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Das Ende meiner Leistungssportkarriere

17. Juli 2008 von Johnny Trotz

Meine tief empfundene Abneigung gegen jedwede körperliche Betätigung – und ganz besonders jene ohne ersichtlichen Zweck – ist zwar nicht neu, war aber keinesfalls schon immer vorhanden. Zugegeben, Fußball war mir immer schon egal, aber früher war ich nicht generell-dogmatisch gegen Sport. Nein, ich war dafür. Und ich sportelte sogar mit.

Die Suche nach einem passenden Sport (der nicht Fußball hieß) erwies sich im München der Frühneunziger als schwierig. Yoga war noch auf Jutehosen-tragende Althippies abgezielt, für Schach war ich zu unaufmerksam, für Turnen zu ungelenk und für Judo zu sehr Brillenträger.

Über eine Reihe von fürchterlich langweiligen Zufällen kam ich also zum Hockey. Feldhockey, nicht Eishockey. Wäre es Eishockey gewesen, wäre es nicht zu dem genderrelevanten Zwischenfall gekommen, der später kurz geschildert werden soll.
Hockey hatte alles, was ein Sport braucht: Rote und gelbe Karten, Team-Spirit (ich zitiere: „Wir begrüßen den Schiedsrichter und das gegnerische Team und freuen uns auf ein faires Spiel“), zwei Tore, eine Stutze an jedem Wadl und Torwarte, die aussahen wie Sturmtruppler aus Star Wars.
Und ich trainierte fleißig, Sommers outdoors und winters indoors, und war ich war so schlecht nicht.
Dann endete meine Hockeykarriere sehr plötzlich. Und das ist meiner Meinung nach durchaus genderdiskussionsrelevant.

Es war Hochsommer, die Sonne brannte und war egal. Ich war zwölf, half in der Mannschaft der Dreizehnjährigen als Verteidiger aus und wir spielten gegen den HC Wacker. HC heisst Hockey-Club, aber das ist irrelevant. Hingegen ungemein relevant ist es, dass sich Wacker auf Fucker reimt. Nein, falsch, es war relevant, geradezu essentiell. Zumindest vor dem Spiel, in unserer Umkleidekabine.
Das Spiel begann, wir erinnern uns: „Wir begrüßen den Schiedsrichter und das gegnerische Team und freuen uns auf ein faires Spiel“ und der HC Wacker begann uns fertig zu machen. Die Gegner waren nicht nur technisch besser, sie waren auch schneller, hatten eine Taktik, die unserem „Alle die noch können laufen dem Ball nach“ mehr als überlegen war, und, ganz wichtig: die Gegner waren Mädchen. Und zwar nicht die netten, süßen, denen man schüchtern ein Stück vom Geburtstagskuchen anbietet, sondern die, die zwei Köpfe größer sind als man selbst und die ihre generell breitschultrig-furchteinflößende Gestalt noch mit einem kopfverkleinernden Kurzhaarschnitt akzentuieren.
Nun, wir lagen hinten, die Damen waren mal wieder im Angriff, die Spielführerin legte sich den Ball in den Schusskreis, und zog voll ab. Ich war mir meiner Verteidigerrolle voll bewusst, und passender weise flog die Kugel mit ansteigender Flugbahn auch genau in meine Richtung. Ich nahm meinen Schläger, hielt ihn mir schützend vor dem Bauchnabel und sprang hoch, um die Kugel zu stoppen.
Sie ahnen es schon: meine in letzter Zeit schnell gewachsenen Füße katapultierten mich etwas zu hoch, und diese zwei entscheidenden Handbreit machten meine als verteidigende Heldentat gedachte Aktion zu einer Zeitlupenszene, die mir heutzutage auf YouTube Clicks ohne Ende bescheren würde.
Der Hartplastikkugel schlug, von vorne unten mit Urkraft geschlagen, genau dort ein, wo es weh tut. Und wo es besonders wehtut, wenn die dort ansässigen Hormondrüsen um das zwölfte Lebensjahr herum plötzlich anfangen, das seit der Geburt langsam wachsende Körperbauwerk einer Generalrenovierung samt Anbau zu unterziehen. Vielleicht können sie mir beipflichten: Mit zwölf ist diese Gegend des Körpers explizit empfindlich, sowohl was Angriffe auf die Privatsphäre angeht als auch im Bezug auf schmerzerzeugende Einschläge aller Arten.
Noch in der Luft klappte ich zusammen, klatschte wie ein nasser Sack auf den Kunstrasen und schrie in Ebryonalstellung heraus, was meine Lungen noch hervorbrachte. Der unparteiische Schiedsricher ließ natürlich weiterspielen, und die Wacker-Girls schossen, wen überrascht es, noch ein Tor.
Meine Agonie war aber noch nicht ganz zu Ende: Verletzungen an und für sich sind ja ungemein interessant, und solange sie nicht bluten, schaut auch jeder hin, bis er oder sie verscheucht wird. Um mich bildete sich also ein Kreis von interessierten Mitspielern und Gegnerinnen, bis dann, Sekunden später, ein glockenhelles „Lasst mich doch mal durch, ich bin Krankenschwester“ den Kreis der Schaulustigen kurzzeitig öffnete. Ich war noch halb besinnungslos, aber an das hier erinnere ich mich genau. Die Frau Krankenschwester stellte mich auf die Beine und entledigte mich schnurstracks jeglicher Kleidung, die die Quelle des Nerven-zerrüttenden Schmerzes bedeckte.
Wie der HC Wacker in seiner truppenstarken Fraulichkeit auf den Anblick meines damals eher wurmigen als phallischen Genitals reagierte, habe ich dankbarer weise verdrängt, aber weggeschaut haben sie sicher nicht. Die Frau Krankenschwester stellte mit einigen routinierter und alles andere als sanften Griffen fest, dass nichts dauerhaft kaputt war. Als ob man das ohne eingehenden medizinische Ausbildung und mit wenigen Griffen herausfinden könnte.
Ich zog mir vor versammelter Frauschaft also mein Hose wieder hoch, hinkte zum Spielfeldrand, blickte kurz zurück um zu sehen, dass wir noch eins kassiert hatten, stieg ins Auto und habe seitdem keinen Hockeyschläger mehr angefasst.

Gender und so.

2 Reaktionen zu “Das Ende meiner Leistungssportkarriere”

  1. DaRow

    »….habe seitdem keinen Hockeyschläger mehr angefasst.«

    urinierst du seitdem im Sitzen?

  2. Johnny Trotz

    ja, aber eher aus genderpolitischen als physiologischen gründen!