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Feel Free to Masturbate: GV-Briefwechsel ohne Fummeln. (7)

23. August 2008 von Johnny Trotz

Anbetungswürdige Miss F.!

Zur SexTape-Problematik habe ich noch Folgendes hinzuzufügen: Der Höhepunkt (sic!) meines Sex-Soundtracks war nicht etwa Pornöses wie »Candy Shop«, sondern vielmehr Neo-Hippie-Pathos aus der Polyphonic-Spree-Kommune. Ziehen Sie daraus ruhig ihre Schlüsse, ich habe nur eine Assoziation: Der Wassertrinker und seine kausalitätsspezifische Frage betreffs der Beziehung zwischen Trieb und Liebe.

Und in der Tat betreten wir hiermit, so möchte ich behaupten, eher dünnes Eis. Ich würde gerne diese Frage vertrauensvoll an das Bravo Dr. Sommer-Team weiterleiten, wenn sie mich mit ihrem Penis-Feature in der vorletzten Ausgabe nicht derart geschockt hätten. Fragen sie nicht, ich sage nur soviel: Es waren genug Close-Ups von schlaffen Fleischpeitschen vorhanden, dass ich mich fast im Stande sehe, wissenschaftlich fundiert zu behaupten, dass der Homo Sapiens eher Rechts- als Linksträger ist.


Aber ich schweife ab. Der Wassertrinker fragte sich in unseren – einer verlassenen Wild-West-Stadt zur Mittagszeit gleichenden – Kommentaren ob Männer denn Liebe suchen würden, wenn es den Sex nicht gäbe. Eine zutiefst interessante Frage, und am leichtesten ist sie wohl damit zu beantworten, dass jedem menschlichen Verhalten der Trieb zur Fortpflanzung zumindest anteilhaft zugrunde liegt. Jedoch würde das zwei Dinge unberücksichtigt lassen, und ich hoffe Sie stimmen mir zu, wenn wir das auf keinen Fall zulassen dürfen.

Zunächst, und ich hoffe dass das nicht allzu weit hergeholt erscheint, ist der Begriff der Liebe ein Konstrukt eines kulturellen Diskurses, will sagen nicht etwa dem menschlichen Wesen eingeschrieben, sondern ein Begriff, dessen Inhalt entstanden ist und sich mit den Zeiten wandelt. Die Liebe (hier: romantische Liebe) ist also ein Überbegriff für eine Kombination von sexueller Kompatibilität, gesellschaftlichen Verbindungen, komplementärem Ausfüllen eigener Seelenlöcher, freundschaftlicher Zuneigung und der Möglichkeit, sich beim zweiwöchigen Malle-Urlaub nicht auf die Nerven zu gehen.

Ein anderer Ansatz, lieber Nils, ist der der Memetik. Genetische Imperative (Fortpflanzen! Mit wem starken!) haben sich in memetische Imperative verwandelt oder vielmehr übersetzt. Der Mensch als Tier wollte sich so fortpflanzen, dass die Kinder nicht von Säbelzahn-Tigern gefressen werden; und der Mensch als soziales Wesen will so lieben, dass es zu einem gesellschaftlichen Aufstieg für die Nachkommen kommt. In diesem Fall hat sich also mit dem Wandel der Umwelt von Natur zur Kultur auch der Grund für die Liebe geändert, und der Genplex (Groß! Stark! Breite Hüften! Gute Zähne!) hat sich zum Memplex gewandelt (Attraktivität heißt gesellschaftliches Standing, Spaß am IKEA-Shoppen, prozentualer Anwalts-Anteil in der erweiterten Familie usw.)

Jetzt, lieber Nils, fragst du dich bestimmt, was zur Hölle das alles mit der Liebe und dem Sextrieb zu tun hat. Nun: Die Umwelt hat sich hier von Natur (Alphamännchen haut Beta-Männchen mit einem Knochen auf den Kopf und vögelt dann mit den schönsten Weibchen) zu Kultur gewandelt (Gamma-Männchen will aber auch und gründet deswegen entweder eine Band oder kauft sich einen Porsche. Theta-Männchen: Siehe Dieter Bohlen – der hat beides gemacht, die Null).

Ausserdem hat sich auch in dieser wilden Theorie der Begriff der Liebe gewandelt, und ist ein derart starkes Mem geworden, dass sie als natürlich und gottgegeben und wahr erachtet wird. Und weil die erzählbarsten und schönsten und kitschigsten Versionen der Liebe weitergegeben werden, wird die Liebe in unseren Köpfen immer mehr von ihrer alten Daseinsform entfernt. Die Liebe hat sich binnen weniger Zehntausend Jahre von „He, Männchen, bring mir Bananen, dann trage ich nur deine Kinder aus“ zu „Love, Actually“ verwandelt. Und ist damit ihrem zutiefst sexuellen Kern entwachsen.

Jetzt findest du das bestimmt zu androzentrisch, lieber Nils, wo bleiben da die Frauen, sagst du. Und ich sage: Das Knochen-auf-den-Kopf-Schema der Höhlenzeiten ist gottsedank vorbei, deswegen dürfen Frauen heutzutage erstens nein sagen und zweitens Porsche fahren.

Bands gründen ist leider immer noch ein Kuriosum.

In ergebener Liebe:
Johnny Trotz

7 Reaktionen zu “Feel Free to Masturbate: GV-Briefwechsel ohne Fummeln. (7)”

  1. Johnny Trotz

    ich bitte wegen der länge um entschuldigung! noch so ein satz, den ich beim sex nie sagen werde!

  2. Der Wassertrinker

    wow…danke für die vielen gedanken die du dir gemacht hast.
    und die länge war völlig in ordnung (auch ein satz den ich vermutlich nach dem sex nie sagen werde)

    ich versuche einen halbwegs sinnvollen kommentar zustandezu bringen :)

    ja ich denk ich versteh was du meinst..die wandlung vom genplex zum memplex…
    witzigerweise glaub ich funktioniert das dem anderen auf den kopf hauen noch immer…zieht vielleicht nicht bei allen..aber zumindest ist der andere dann eingeschüchtert..das zu beindruckende weibchen ist aber dadurch vielleicht angewiedert ( oder auch nicht?? )

    ja die methode eine band zu gründen..reicht allein aber auch nicht..mann muss schon zusatzqualifikationen mitbirngen…und diese sollten am besten auf den ersten blick ersichtlich sein..also nur auf ner bühne zu stehen ist nicht so effektvoll wie mit nem knochen die schädel einschlagen… [ liegt aber vermutlich daran dass menschen mittlerweile eben nein sagen können (gibt wahrscheinlich eh noch genügend die das nicht machen..uiuiui)]

    weiters habe ich mir gedacht..wenn es den sextrieb nicht gäbe würden ja freunde ausreichen..also man verbringt seine zeit mit freunden und hat quasi die geistige nähe und all das was du meintest (»komplementäres Ausfüllen eigener Seelenlöcher, freundschaftliche Zuneigung und der Möglichkeit, sich beim zweiwöchigen Malle-Urlaub nicht auf die Nerven zu gehen«..genauso wie…«Attraktivität heißt gesellschaftliches Standing, Spaß am IKEA-Shoppen, prozentualer Anwalts-Anteil in der erweiterten Familie usw.«) mit seinen freunden…da hat man dann sogar quasi polyamore..oder polyamici ??

    aba ich scheitere an einem punkt und zwar an der körperlichen nähe ohne eindeutig sexuell zu werden…
    das ist nicht immer mit freunden möglich.. also quasi kuscheln, umarmen, die weiche der haut fühlen…all das…die geborgenheit…

    und das ist es was dann vielleicht doch die sehnsucht nach liebe schürt auch wenn es keinen sexualtrieb gäbe?? vielleicht.

    aja etwas noch..wenn das ziel ist sich quasi gesellschaftlich hochzulieben….muss es dabei auch immer leute geben die dann quasi hinunterlieben ( gesellschaftlicher abstieg / der stillstand für die nachkommen) wieso machen die das…?

    frage bei diether bohlen und sineen püppchen wer da hinauf und wer hinunterliebt wäre auch interessant. ;)

    geldmässig liebt er hinunter..aussehensmässig hinauf..moralisch ..äh..scheiss auf moral und schreiben wir noch ein buch über den penisbruch..
    in diesem sinne
    stopfen wir das sommerloch
    and
    lets drink the water

  3. herr vogel

    Ich glaub hier ist noch einiges andere seinem sexuellen Kern entwachsen, hahaa

  4. herr vogel

    Also ich fand diese Memetik-Theorie – schon als Herr Trotz mir zum ersten mal davon berichtete, unter Einfluss von 5 Bier – schon sehr fein. Da müsste man (so als Filmwissenschaftsstudent) mal die Verbindung ziehen zur dort vorherrschenden Idealisierung im Sinne von »So soll es sein so soll es bleiben«/Romantische Komödie und Schnulzenfilm. Dazu beachten: Das Ende von SWEET HOME ALABAMA und was ein Protagonist tun muss, damit die Frau ihn auch will (da: Geld haben).

  5. LMB

    Somit – der Degeneration zu Liebe – einfach hinauswachsen? Natürlich bedeutet doch Liebe nichts anderes als Freundschaft und was das bedeutet, weiß ich auch nicht. Semantische Verschiebungen ergeben sich aber nunmal nicht aus der Genetik, sondern aus der … mh… sagen wir sprachlichen Wirklichkeit, das heißt Realität an sich, das heißt Gesellschaft und: ja!

    Wieso sollte man nicht Freunden / Freundinnen nah sein können? »a kissed a girl and i liked it«; mit voller Unschuld ohne je ein Mädchen geküsst zu haben kann man aus so einem Satz heute einen Hit machen; aber worauf ich eigentlich hinaus wollte: Partner suchen um Vertrauen, Halt zu haben, auch um schneller zu den Sachen zu kommen die man so braucht, ob nun Sex, Kuscheln oder ne eigene Band. Aber isja noch nicht etablürt, wa? Also Kuscheln mit freundschaftlich verbundenen Menschen.

    Mh. Und eigentlich führt das alles zu weit, wenn ich bedenke, dass ich immer noch wissen will, welches Nahrungsmittel Frauen erotisch finden, wenn Männer sie verspeisen.

    Abschließend: Ich spiele Ukulele.

    LG

  6. Der Wassertrinker

    ich glaube abweisungen bringen menschen dazu sich noch mehr nach (romantischer) liebe zu sehnen.

  7. miss f

    liebe wassertrinker, fühl dich virtuell gedrückt.
    werter LMB, wir wollen keine männer essen sehen! lieber zigaretten rauchen oder auf grashalmen kauen.