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Was ihr wollt

12. Oktober 2008 von herr vogel

Eignet sich das Bild zur Illustration der Kolumne? Was will das Bild heißen? Oder: Was will das Bild heißen außer Dieser Kolumnist ist ein Vollidiot? Ich frage mich, steht die Firma hinter sowas? Gut, das wird ja noch nachbearbeitet und es kommt dann ein lila Hintergrund passend zur Website dazu, aber können Photoshop und ein lila Hintergrund dieses Bild – und mich – tatsächlich aufwerten? Warum eigentlich lila? Warum nicht was männlicheres? Dieser Kolumnist ist ein Vollidiot. Und schwul. Am besten schreibe ich eine erste Kolumne darüber, wie ich von Heidi Klum, Halle Berry und/oder Jessica Alba entjungfert wurde. Was sagt dieses Foto? Ich kann mich nicht daran erinnern, so finster geschaut zu haben. War das Absicht? Verrät das Bild etwa, dass ich überhaupt keine Lust auf dieses bescheuerte Fotoshooting hatte? Wie gucke ich da eigentlich, so gucke ich doch nie. Dieser Fotograf ist offensichtlich ein Nichtskönner. Warum braucht es überhaupt ein Foto neben der Kolumne, und dann noch eins von mir, kann da nicht irgendwer was schönes zeichnen? Wie bei Martenstein. Der braucht kein Foto, da wird immer schön was gezeichnet, passend zum Thema der Woche. Eine Alternative müsste her, so dass nicht mein Bild als Visitenkarte einer ganzen Textreihe herhalten muss. Dieser Fotograf muss doch ein besseres Bild von mir hinkriegen. Natürlich ist es lahm, aber mein Problem ist dasselbe wie das der Rockband in Almost Famous: Is it that hard to make us look cool? Richtig! Uns, nicht nur Ich, es ist ein Uns, ein Wir, ein Wir-die-Firma, ein Wir-das-Magazin. Da muss man doch mal loyal sein! So geht das nicht. Wie seh ich überhaupt aus? Sieht man so aus, wenn man schreiben kann? Sieht jemand der schreiben kann, so aus? Denken die Leute, die Leser, wenn sie das Bild sehen, dass der da auf dem Foto schreiben kann und bestenfalls sogar irgendwas mitzuteilen hat? Wollen sie sich von jemandem, der so aussieht, überhaupt etwas mitteilen lassen? Oder denken sie nur, dass der da auf dem Bild so aussehen will, als könne er schreiben. Dass er sich interessant machen will. Oder, viel schlimmer, dass er gar glaubt, er sehe gut aus und dieses Bild könne seinen Text aufwerten. So wird es sein. Dieser schäbige Text, das sieht man doch gleich, schlechter Stil, langweiliges Thema, eine unlesbare Zumutung. Ein Wichtigtuer, das hat sich der mitdenkende Leser doch von vorneherein gedacht. Und das bei einem Möchtegern-Magazin wie diesem. Ja ja, denkt sich der Leser dann, die passen gut zueinander, diese Witzfigur von Autor mit seinem wichtigtuerischen Scheißtext und dem lila Hintergrund der hässlichsten Kulturseite des Universums. Ja, da haben sich zwei gefunden. Wäre das Foto mit Brille besser gewesen? Brillen machen intelligent. Wenigstens intelligent sollte man aussehen, wenn die Leute einem irgendwas glauben sollen. Wie Woody Allen, dem glaub ich alles. Oder muss man hauptsächlich cool aussehen, will man glaubhaft über Popkultur schreiben? Ist ja keine Nukularwissenschaft oder sowas, da zählen andere Dinge. Aber in der Popkultur, dafür qualifiziert einen keine Dissertation, da muss man aussehen wie Julian Casablancas und schreiben wie Nick Hornby! Wobei, Chuck Klosterman sieht auch nicht aus wie Julian Casablancas – eher wie Woody Allen, zumindest hat er dieselbe Brille. Und wie Nick Hornby aussieht, das hab ich vergessen.
Andererseits: Wenn man zu lange auf ein Bild guckt, sieht es doch zunehmend komisch aus, nicht unähnlich dem Starren auf ein geschriebenes Wort. Irgendwann macht man sich Gedanken darüber, was dieses Wort eigentlich ist und warum es so aussieht wie es aussieht. Dann erscheint das Wort nur noch als lose Aneinderreihung von einzelnen Buchstaben und ergibt dann bald gar keinen Sinn mehr. Es ergibt auch kein Wort mehr. Es sind nur noch Fragmente, die im Zusammenhang, besonders in diesem Zusammenhang, einfach keinen Sinn mehr ergeben. Wie das Foto, was das hier alles soll und Was zur Hölle tue ich eigentlich hier: Aussehen, Brille, Blick und cool und intelligent oder im Zusammenhang: Dieser Kolumnist ist ein Vollidiot.

Ist das ein Bild oder ein Nicht-Bild? Zeigt es etwas, was sonst nicht da ist? Ist es ein Selbstbild, repräsentiert es eine Idee oder ein Hinleben auf etwas, das ganz offensichtlich nicht existiert. Repräsentiert es noch ein weiteres? Das Image-geprägte Bild der Erwartungen an einen selbst, an andere in Bezug auf einen selbst. Sie sollen mich so sehen, wie ich das will. Nicht so, wie ich tatsächlich bin, sondern so, wie ich will, dass sie mich sehen. Ob das die Wahrheit ist, das weiß niemand, ob man die Wahrheit braucht, das auch nicht. Vielleicht findet sich die Wahrheit aber wie in einem Text zwischen den Zeilen. Die eigentliche Frage aber bleibt: Nähere ich mich der Sache an, der Kolumne, dem Image – oder umgekehrt, nähert sich die Sache mir an. Am Ende – und das ist die eigentliche Tragödie – gewinnt wohl doch immer das Bild der anderen.

2 Reaktionen zu “Was ihr wollt”

  1. Johnny Trotz

    sie wurden vermisst! also wenn qualität statt quantität so aussieht, dann… JA! so und nicht anders. was ein schweineguter text, derherr!

    es ist übrigens nur ein foto. und die farbe ist nicht deine schuld.

  2. Der Wassertrinker

    wirklich sehr cool geworden der text.
    twelfths night.